GasanalytikFachartikel

    TDLS — Tunable Diode Laser Spectroscopy in der Prozessanalytik

    Kategorie: Gasanalytik | Prozessanalytik | Laserspektroskopie | PAT | Funktionale Sicherheit
    Autor: Dusko Kadijevic, Publisher Analytic Journal
    Zuletzt aktualisiert: Mai 2026
    Lesezeit: ca. 10 Minuten
    Zielgruppe: Prozessingenieure, PAT-Spezialisten, Instrumentierungsingenieure, Sicherheitsverantwortliche in der verfahrenstechnischen Industrie


    Definition

    TDLS (Tunable Diode Laser Spectroscopy) — im Deutschen auch als abstimmbare Diodenlaser-Absorptionsspektroskopie bezeichnet — ist ein optisches Messprinzip, bei dem ein Diodenlaser auf eine fĂŒr das ZielmolekĂŒl charakteristische Absorptionslinie abgestimmt wird. Das Licht durchquert das Messgas, wird von den ZielmolekĂŒlen in einem definierten Maß absorbiert, und aus der AbschwĂ€chung des Signals wird die Gaskonzentration berechnet. Die Messung erfolgt ohne Probenentnahme, ohne Medienkontakt und ohne Verbrauchsstoffe.


    Warum TDLS in der Prozessanalytik besondere Bedeutung hat

    TDLS ist nicht das einzige Lasermessverfahren in der Gasanalytik — aber es ist das am weitesten verbreitete fĂŒr den direkten In-situ-Einsatz in industriellen Prozessen. Kein anderes Messprinzip verbindet hohe SelektivitĂ€t, wartungsarmen Betrieb und die FĂ€higkeit zur Messung unter hĂ€rtesten Prozessbedingungen so ĂŒberzeugend.

    In den letzten 30 Jahren hat sich das Vertrauen der Prozessindustrie in TDLS-Systeme so weit entwickelt, dass sie zunehmend in sicherheitsrelevanten Anwendungen eingesetzt werden — einschließlich SIL-klassifizierter Messkreise. Das ist keine SelbstverstĂ€ndlichkeit fĂŒr ein Messprinzip das noch vor zwei Jahrzehnten als technologisch anspruchsvoll und schwer beherrschbar galt.


    Das Messprinzip — verstĂ€ndlich erklĂ€rt

    Wie TDLS funktioniert

    Ein Diodenlaser erzeugt monochromatisches Licht — Licht einer einzigen, sehr prĂ€zisen WellenlĂ€nge. Diese WellenlĂ€nge wird so gewĂ€hlt, dass sie exakt mit einer Absorptionslinie des ZielmolekĂŒls ĂŒbereinstimmt. Das Gas absorbiert Licht bei genau dieser WellenlĂ€nge — je mehr ZielmolekĂŒle im Lichtweg vorhanden sind, desto mehr Licht wird absorbiert.

    Der Laser wird dabei leicht ĂŒber einen schmalen WellenlĂ€ngenbereich durchgestimmt — daher der Name "tunable" (abstimmbar). Auf der EmpfĂ€ngerseite misst ein Detektor wie stark das Licht abgeschwĂ€cht wurde. Aus dieser AbschwĂ€chung, der bekannten PfadlĂ€nge und den Prozessparametern Druck und Temperatur wird die Gaskonzentration berechnet.

    Was TDLS von anderen optischen Methoden unterscheidet

    EigenschaftTDLSNDIRFTIR
    LichtquelleDiodenlaser — schmalbandig, monochromatBreitbandige IR-QuelleBreitbandige IR-Quelle
    SelektivitĂ€tSehr hoch — eine einzige AbsorptionslinieMittel — BandfilterHoch — volles Spektrum
    QuerempfindlichkeitSehr gering bei richtiger LinienwahlVorhandenMatrixabhÀngig
    ProbenaufbereitungNicht erforderlich (In-situ)ErforderlichOft erforderlich
    MessgeschwindigkeitSekundenSekundenSekunden bis Minuten
    DruckabhĂ€ngigkeitVorhanden — kompensierbarGeringGering

    Systemaufbau — mit und ohne Fensterflansche

    Direktdurchstrahlung ohne Fensterflansche

    In manchen Prozessen — insbesondere bei großen Rohrdurchmessern, KanĂ€len oder Öfen — können Sender und EmpfĂ€nger direkt gegenĂŒberliegend eingebaut werden, ohne dass optische Fenster den Laserstrahl vom Prozessgas trennen. Der Laserstrahl durchquert das Gas direkt. Diese Konfiguration ist mechanisch einfach und eliminiert eine wesentliche Fehlerquelle — die Fensterverschmutzung.

    Messung mit Fensterflangschen

    In den meisten Prozessanwendungen sind optische Fenster erforderlich — um die Laseroptik vom aggressiven Prozessgas zu trennen, Druckdifferenzen zu ĂŒberbrĂŒcken oder Ex-Schutzanforderungen zu erfĂŒllen. Dabei entstehen mehrere praktische Herausforderungen:

    Einbauwinkel: Fensterscheiben dĂŒrfen nicht senkrecht (90°) zum Laserstrahl eingebaut werden. Der Grund ist der Etalon-Effekt.

    Der Etalon-Effekt — eine kritische Fehlerquelle:

    Wenn der Laserstrahl auf eine parallel zur Strahlenachse orientierte Fensterscheibe trifft, entsteht durch Mehrfachreflexion zwischen den GlasoberflĂ€chen ein Interferenzmuster — Ă€hnlich wie bei einem optischen Fabry-PĂ©rot-Etalon. Diese Interferenzstreifen ĂŒberlagern sich dem eigentlichen Absorptionssignal und können die Messung erheblich verfĂ€lschen. Das Problem ist besonders tĂŒckisch, weil die Fringes sich mit Temperatur- und VibrationsĂ€nderungen verschieben und damit zeitlich variabel sind.

    Die Lösung: Fensterscheiben werden leicht geneigt eingebaut — typischerweise um wenige Grad aus der Senkrechten — so dass reflektierte Strahlen aus dem Detektionsweg herausgelenkt werden.

    Fensterbeschichtungen:

    Je nach eingesetzter WellenlÀnge können die Fensterscheiben mit Anti-Reflexionsbeschichtungen versehen sein, um Reflexionsverluste zu minimieren und den Etalon-Effekt zu reduzieren. Die Beschichtung muss auf die spezifische WellenlÀnge des eingesetzten Lasers abgestimmt sein.

    FensterspĂŒlung — und ihre TĂŒcken

    In staubbeladenen oder korrosiven Prozessen werden die Fensterscheiben mit einem inerten Gas — typischerweise Stickstoff oder Instrumentenluft — gespĂŒlt, um Ablagerungen zu verhindern. Dabei muss ein kritischer Punkt beachtet werden:

    Das PfadlĂ€ngenproblem bei der FensterspĂŒlung:

    Die PfadlĂ€nge — also die Strecke die der Laserstrahl durch das Messgas zurĂŒcklegt — bestimmt direkt die gemessene Konzentration. Wenn die FensterspĂŒlung zu stark eingestellt wird, kann das SpĂŒlgas in den Messpfad eindringen und dort das Prozessgas verdrĂ€ngen. Das Ergebnis: Die effektive PfadlĂ€nge durch das Messgas verkĂŒrzt sich — die gemessene Konzentration erscheint niedriger als sie tatsĂ€chlich ist.

    In einer O₂-InertisierungsĂŒberwachung bedeutet das eine besonders gefĂ€hrliche Situation: Ein zu hoher N₂-SpĂŒlstrom kann dazu fĂŒhren, dass das System eine O₂-Konzentration von nahezu null misst — nicht weil die Inertisierung funktioniert, sondern weil das StickstoffspĂŒlgas den Messpfad dominiert. Ein falscher Niederbefund beim O₂ in einer Inertisierungsanwendung ist sicherheitsrelevant.

    Praxishinweis — teures Projekt ohne Happy End: In einem Projekt mit drei TDLS-Lasermessungen (Investition ĂŒber 500.000 Euro) fĂŒr eine SIL-relevante Messung wurde fĂŒr die TDLS-Infrastruktur extra ein eigenes RohrstĂŒck in die Anlage integriert — ein erheblicher mechanischer Aufwand in einer laufenden Industrieanlage. Die Durchflussmesser wurden vor dem Aufbau auf Belegungsneigung getestet — ohne Befund. Die optischen Fenster selbst wurden jedoch nicht separat getestet. Das war die entscheidende LĂŒcke: Nach dem Aufbau der Messanlage unter realen Prozessbedingungen belegten genau diese Fenster. Das Messprojekt galt der H₂O-Spurenmessung in einem kritischen Prozess. Das Projekt endete ohne die angestrebte Betriebsbereitschaft — trotz des enormen baulichen und finanziellen Aufwands. Die Lektion: Vorabtests mĂŒssen alle relevanten Komponenten des optischen Pfades abdecken — nicht nur die Hauptmesskomponente. Und der Aufwand fĂŒr die Infrastruktur macht ein Scheitern umso teurer.

    Praxishinweis — O₂-Messung direkt in der Brennkammer: In einer anderen Anwendung wurden TDLS-Systeme direkt in Brennkammern eingesetzt — unter Bedingungen mit hoher Temperatur, Staub und erheblichen Transmissionsverlusten durch Partikelbeladung. Überraschenderweise arbeiteten die Systeme auch bei stark reduzierter Transmission zuverlĂ€ssig weiter. TDLS-Systeme sind robuster gegenĂŒber Transmissionsverlusten als oft angenommen — solange die SignalstĂ€rke oberhalb des Mindestdetektionsschwellwerts bleibt und die Eigendiagnose den Zustand ĂŒberwacht.


    DruckabhĂ€ngigkeit — ein bekannter und beherrschbarer Effekt

    Die Breite einer Absorptionslinie hĂ€ngt vom Druck ab — ein physikalischer Effekt der als Druckverbreiterung bezeichnet wird. Bei höherem Druck wird die Absorptionslinie breiter und flacher; bei niedrigerem Druck ist sie schmaler und steiler.

    Warum das praktisch relevant ist:

    TDLS-Systeme sind fĂŒr einen definierten Druckbereich kalibriert. Wenn der Prozessdruck außerhalb des Kalibrierbereichs liegt oder stark schwankt, kann das die Konzentrationsberechnung beeinflussen. Moderne TDLS-Systeme kompensieren diesen Effekt durch:

    • Integration eines Drucksensors in den Messkreis
    • Druckkorrektur in der Auswertungsalgorithmik
    • Kalibrierung bei verschiedenen DrĂŒcken fĂŒr Anwendungen mit stark variablem Prozessdruck

    In der Praxis ist die DruckabhĂ€ngigkeit bei richtig ausgelegten Systemen gut beherrschbar — sie muss aber bei der Systemauslegung explizit berĂŒcksichtigt werden.


    Zielkomponenten und typische Anwendungen

    Übersicht der wichtigsten Messaufgaben

    KomponenteWellenlÀngenbereichTypische AnwendungBesonderheit
    O₂760 nm (sichtbar)Inertisierung, Verbrennungsregelung, PersonenschutzStĂ€rkste O₂-Absorptionsbande; In-situ bevorzugt
    H₂O1350–1950 nmTaupunktkontrolle, Trocknungsprozesse, Cl₂-ElektrolyseÜberall dort wo Standardsensoren versagen
    CO1560 nm, 2300 nmVerbrennungsĂŒberwachung, Sicherheitsmessung2300 nm empfindlicher, aber schwieriger
    NH₃1500 nm, 2000 nmSCR-Schlupfmessung, DĂŒngemittelproduktionAlternative zu nass-chemischen Methoden
    HCl1740 nm, 3400 nmEmissionsĂŒberwachung, ChlorchemieTDLS zunehmend eignungsgeprĂŒft fĂŒr CEMS
    HF1300 nm, 2500 nmGlasindustrie, Petrochemie, AluminiumhĂŒttenAggressiv — In-situ vermeidet Materialprobleme
    CH₄1650 nmErdgas, Biogasanlagen, LeckdetektionGute Empfindlichkeit im NIR
    H₂2122 nm (QuadrupolĂŒbergang)Cl₂-Elektrolyse, Wasserstoffsicherheit, ElektrolyseanlagenSchwaches Signal — spezialisierte Systeme erforderlich, aber in-situ möglich

    Ein besonderer Fall: H₂-Messung mit TDLS

    H₂ gilt traditionell als "optisch schwer messbar" — und das hat einen guten physikalischen Grund. Als zweiatomiges homonukleares MolekĂŒl (beide Atome identisch) hat H₂ kein elektrisches Dipolmoment. Das bedeutet: Die starken DipolĂŒbergĂ€nge die bei den meisten anderen Gasen das Absorptionssignal erzeugen, existieren fĂŒr H₂ nicht.

    Was H₂ jedoch hat, sind schwache elektrische QuadrupolĂŒbergĂ€nge — physikalisch eine völlig andere Klasse von ÜbergĂ€ngen, mit einer SignalstĂ€rke die rund hundert Mal schwĂ€cher ist als typische DipolĂŒbergĂ€nge. Die relevante Absorptionslinie liegt bei etwa 2122 nm.

    Diese extreme SchwĂ€che des Signals machte H₂-Messung per TDLS lange Zeit praktisch unmöglich mit konventionellen Systemkonfigurationen. Erst durch zwei Entwicklungen wurde es fĂŒr Industrieanwendungen beherrschbar:

    Erstens durch WellenlĂ€ngenmodulationsspektroskopie (WMS) — eine Detektionstechnik die das Signal-Rausch-VerhĂ€ltnis erheblich verbessert und das schwache Quadrupolsignal aus dem Rauschen herausheben kann.

    Zweitens durch die Bereitschaft der Industrie, mit grĂ¶ĂŸeren PfadlĂ€ngen und speziell optimierten Systemen zu arbeiten — was fĂŒr die H₂-Messung in der Cl₂-Elektrolyse und in Elektrolyseanlagen fĂŒr grĂŒnen Wasserstoff praktisch bedeutsam ist.

    Warum TDLS trotz des schwachen Signals wertvoll ist: Konventionelle H₂-Sensoren — katalytische Sensoren, elektrochemische Sensoren, WĂ€rmeleitfĂ€higkeitsdetektoren — stehen in direktem Kontakt mit dem Messgas. Im Chlorgasstrom der Elektrolyse werden diese Sensoren durch das aggressive Cl₂ schnell zerstört. TDLS misst ohne Medienkontakt — das ist in korrosiven, explosionsgefĂ€hrdeten und hochreinen Gasströmen ein entscheidender Vorteil, auch wenn die Empfindlichkeit geringer ist als bei anderen TDLS-Anwendungen.

    Warum die H₂-Überwachung in Cl₂ sicherheitskritisch ist:

    In der Chlor-Elektrolyse entsteht H₂ als unvermeidliches Nebenprodukt. Die untere Explosionsgrenze (UEG) fĂŒr H₂/Cl₂-Gemische liegt laut Eurochlor-Dokumentation (GEST 91/168) bei 2,5 bis 3 Vol-% H₂ — abhĂ€ngig von Druck und Temperatur. H₂/Cl₂-Gemische sind dabei besonders tĂŒckisch: Die ZĂŒndenergie ist extrem niedrig (ca. 10⁻⁷ Joule) und die SelbstzĂŒndungstemperatur liegt mit etwa 207°C deutlich unter der von H₂/Luft-Gemischen (ca. 400°C). Damit ist die kontinuierliche H₂-Überwachung in dieser Anwendung eine Sicherheitsmessung mit direkter Schutzfunktion.

    Warum konventionelle Messmethoden hier an ihre Grenzen stoßen:

    MethodePrinzipProblem in der H₂/Cl₂-Anwendung
    Prozess-GCTrennung und Detektion der EinzelkomponentenZykluszeit zu lang — mehrere Minuten; bei schnellen KonzentrationsĂ€nderungen zu langsam fĂŒr Schutzfunktionen
    Konverter + WLDH₂ und Cl₂ werden im beheizten Ofen zu HCl umgesetzt; WLD misst vor und nach Konverter im VergleichWLD kann nur zwei Komponenten unterscheiden — bei weiteren schwankenden Begleitkomponenten wird die Messung unzuverlĂ€ssig. Und: Der beheizte Konverter ist selbst eine potenzielle ZĂŒndquelle — er kann nicht in allen AnlagenzustĂ€nden betrieben werden, insbesondere nicht wĂ€hrend An- und Abfahrprozessen wenn die Gaszusammensetzung unkontrolliert ist
    IR-Messung von HClIndirekte Messung: HCl nach dem Konverter per NDIRBesser als WLD wenn andere Komponenten schwanken; robuster, aber teilt das grundsĂ€tzliche Problem des beheizten Konverters als ZĂŒndquelle — und damit die EinschrĂ€nkung bei An- und AbfahrvorgĂ€ngen
    TDLS direktDirektmessung H₂ ĂŒber Quadrupolabsorption bei 2122 nmDirekt, ohne Konverter, ohne ZĂŒndquelle, ohne Medienkontakt — und wenn die Prozessbedingungen es erlauben inline einsetzbar. Kann prinzipiell auch wĂ€hrend An- und AbfahrvorgĂ€ngen betrieben werden

    Die Logik der Methodenwahl: GC ist zu langsam fĂŒr eine Schutzfunktion. Der Konverter-Ansatz — ob mit WLD oder IR — hat zwei fundamentale EinschrĂ€nkungen: erstens die Gasmatrix-AbhĂ€ngigkeit bei WLD, zweitens und grundsĂ€tzlicher der beheizte Konverter selbst als potenzielle ZĂŒndquelle. Das bedeutet: In kritischen BetriebszustĂ€nden wie An- und Abfahren — genau dann wenn die Gaszusammensetzung am wenigsten kontrolliert ist — kann die Konverter-Methode oft nicht eingesetzt werden. TDLS hat diesen ZĂŒndquellen-Nachteil nicht. | CO₂ | 1570 nm, 2000 nm | Fermentation, VerbrennungsĂŒberwachung, Treibhausgase | Hohe Hintergrundkonzentration in vielen Prozessen |


    Praxisanwendungen im Detail

    O₂-Überwachung in Inertisierungssystemen

    Die Überwachung von Sauerstoff in inertisierten Anlagen und BehĂ€ltern ist eine der wichtigsten TDLS-Anwendungen in der chemischen Industrie. TDLS misst O₂ ohne Probenaufbereitung, ohne Probenpumpe und ohne Kontakt mit dem Prozessgas — und damit ohne die WartungsintensitĂ€t die extraktive paramagnetische Systeme mit sich bringen.

    Praxisvergleich aus der Sonderabfallverbrennung: In einer Anlage mit extremen Bedingungen — hohe Staubbeladung, aggressives Abgas, Feuchtigkeit und Schlamm — wurde die O₂-Überwachung mit extraktiven paramagnetischen Analysatoren betrieben. Das Probennahmesystem war ein dauerhafter Wartungsalptraum: Filter verstopften, Pumpen fielen aus, kondensierbare Bestandteile schufen Probleme im gesamten Probenpfad. Das Betriebs- und Wartungspersonal arbeitete unter unangenehmen und teilweise gefĂ€hrlichen Bedingungen. Der Wechsel auf TDLS In-situ hĂ€tte den Probennahmepfad vollstĂ€ndig eliminiert. Das Beispiel zeigt: In rauen Prozessumgebungen ist der Wartungsaufwand des Probennahmesystems oft das eigentliche Betriebsproblem — nicht die Messgenauigkeit des Analysators.

    O₂-Überwachung bei Verbrennungsprozessen mit organischen Stoffen

    In Verbrennungsprozessen bei denen organische Stoffe im Abgas vorhanden sind, versagt der Zirkondioxid-Sensor (ZrO₂) — weil brennbare Gase an der SensoroberflĂ€che Sauerstoff verbrauchen und zu Falschmessungen fĂŒhren. TDLS misst O₂ ĂŒber den optischen Absorptionsweg ohne Medienkontakt und ist damit immun gegenĂŒber diesem Effekt. FĂŒr solche Anwendungen ist TDLS oft die einzig praktikable In-situ-Lösung.

    H₂ in Cl₂ — Sicherheitsmessung in der Chlor-Elektrolyse

    In der Chlor-Alkali-Elektrolyse entsteht Wasserstoff als Nebenprodukt. Gelangt H₂ in den Chlorstrom, entsteht ein explosionsfĂ€higes Gemisch. TDLS misst H₂ ĂŒber schwache QuadrupolĂŒbergĂ€nge im Infrarot — berĂŒhrungslos, schnell und ohne Kontakt mit dem aggressiven Chlorgas das konventionelle Sensoren schnell zerstören wĂŒrde.

    H₂O in der Cl₂-Elektrolyse — wo Standardsensoren versagen

    Nach dem Trocknungsturm in der Chlor-Elektrolyse muss der Feuchtegehalt des Chlorgases im ppm-Bereich ĂŒberwacht werden. Schon geringe Mengen Wasser (ab ca. 30 ppm) fĂŒhren zu Korrosion am nachgeschalteten Kompressor und verunreinigen das Produkt.

    Konventionelle Feuchtesensoren auf Basis von Phosphorpentoxid (P₂O₅) versagen hier aus einem einfachen Grund: Sie stehen in direktem Kontakt mit dem Chlorgas und werden durch dessen extreme AggressivitĂ€t angegriffen — der Sensor verschleißt, reagiert immer langsamer und erfordert hĂ€ufige Erneuerung. Antwortzeiten von bis zu fĂŒnf Minuten sind bei P₂O₅-Sensoren keine Ausnahme.

    TDLS misst H₂O im Chlorgasstrom ohne Medienkontakt — mit Antwortzeiten im Sekundenbereich und ohne Sensordegradation durch das aggressive Prozessgas. Das ist ein Paradebeispiel fĂŒr Anwendungen bei denen TDLS nicht nur besser ist als die Alternative, sondern wo die Alternative dauerhaft nicht funktioniert.

    HCl und HF in der EmissionsĂŒberwachung

    TDLS-Systeme fĂŒr HCl und HF erhalten zunehmend Eignungszulassungen fĂŒr den CEMS-Einsatz und ersetzen dort nasschemische Verfahren. Sie sind wartungsĂ€rmer, reagieren schneller und messen kontinuierlich statt diskontinuierlich.


    TDLS in sicherheitsrelevanten Anwendungen (SIL)

    Das Vertrauen der Prozessindustrie in TDLS-Systeme hat sich ĂŒber 30 Jahre Betriebserfahrung so weit entwickelt, dass sie heute regelmĂ€ĂŸig in SIL-klassifizierten Messkreisen eingesetzt werden. Typische Konfigurationen:

    1oo2-Konfiguration (1 aus 2): Zwei TDLS-Systeme — oft vom gleichen Hersteller — messen dieselbe GrĂ¶ĂŸe. Beide Systeme mĂŒssen unabhĂ€ngig voneinander ansprechen, um eine Schutzaktion auszulösen. Diese Konfiguration bietet hohe VerfĂŒgbarkeit bei gleichzeitiger Redundanz.

    2oo3-Konfiguration (2 aus 3): Drei TDLS-Systeme, wobei zwei ĂŒbereinstimmend ansprechen mĂŒssen. Besonders fĂŒr O₂-InertisierungsĂŒberwachung in hochkritischen Anlagen.

    Warum TDLS fĂŒr SIL-Anwendungen geeignet ist:

    SIL-relevante EigenschaftTDLS-Vorteil
    Keine VerbrauchsstoffeKeine AusfÀlle durch leere Gasflaschen, verschlissene Elektroden oder verbrauchte Reagenzien
    Integrierte EigendiagnoseLaserleistung und Transmissionssignal werden kontinuierlich ĂŒberwacht — Ausfall wird erkannt
    Kein ProbennahmesystemWeniger Komponenten im Sicherheitskreis — weniger Fehlerquellen
    Schnelle AntwortzeitSekunden statt Minuten — kritisch fĂŒr schnelle Schutzreaktionen
    SelektivitÀtGeringe Querempfindlichkeit reduziert Risiko unerkannter Falschmessungen

    Wichtiger Hinweis: Bei TDLS-Systemen desselben Herstellers in redundanten Konfigurationen besteht ein Restrisiko systematischer Fehler — beide Systeme könnten von demselben gerĂ€tespezifischen Fehler betroffen sein. Bei höchsten Sicherheitsanforderungen kann diversitĂ€re Redundanz sinnvoll sein — etwa TDLS kombiniert mit paramagnetischer Messung fĂŒr O₂.


    Anwendungsmatrix

    Legende: ✅ TDLS bevorzugt | ⚠ TDLS möglich, aber Alternativen prĂŒfen | ❌ TDLS nicht geeignet

    AnwendungTDLSGrund / Kommentar
    O₂-Inertisierung✅Kein Probennahmesystem, SIL-fĂ€hig
    O₂-Verbrennungsregelung✅Schnell, In-situ, auch bei organischen Begleitstoffen
    O₂ bei organischen Stoffen im Abgas✅ZrO₂ versagt — TDLS unempfindlich gegenĂŒber brennbaren Gasen
    H₂O in Cl₂-Elektrolyse✅P₂O₅-Sensor versagt — TDLS ohne Medienkontakt
    H₂ in Cl₂-Sicherheitsmessung✅BerĂŒhrungslos, schnell, Cl₂-resistent
    NH₃-Schlupfmessung (SCR)✅Schnell, In-situ, wartungsarm
    HCl-EmissionsĂŒberwachung✅Zunehmend eignungsgeprĂŒft fĂŒr CEMS
    HF-Messung✅Aggressives Medium — kein Kontakt vorteilhaft
    CO in VerbrennungsĂŒberwachung✅In-situ möglich, schnell
    Multikomponenten-Gasanalyse❌Nur eine Komponente pro Laser — GC oder FTIR geeigneter
    FlĂŒssigkeitsmessung❌TDLS ist fĂŒr Gasmessung — nicht fĂŒr FlĂŒssigkeiten
    Stark partikelbeladene Gase⚠Transmission ĂŒberwachen — FensterspĂŒlung kritisch auslegen

    Normen und regulatorische Grundlagen

    Norm / RichtlinieInhalt
    IEC 61508 / IEC 61511Funktionale Sicherheit — Grundlage fĂŒr SIL-Einsatz von TDLS-Systemen
    EN 14181QualitĂ€tssicherung fĂŒr automatische Messsysteme — relevant fĂŒr TDLS in CEMS
    EN 15267Zertifizierung automatischer Messeinrichtungen — EignungsprĂŒfung fĂŒr CEMS-Anwendungen
    NAMUR NE 107SelbstĂŒberwachung und Diagnose von FeldgerĂ€ten — Anforderungen an TDLS-Eigendiagnose
    ATEX / IEC 60079Explosionsschutzanforderungen fĂŒr TDLS-Systeme in Ex-Bereichen
    VDI/VDE 2650Prozessanalysatoren — Betrieb und Anforderungen

    F&A — HĂ€ufig gestellte Fragen

    Was bedeutet TDLS und wie funktioniert es?
    TDLS steht fĂŒr Tunable Diode Laser Spectroscopy — abstimmbare Diodenlaser-Absorptionsspektroskopie. Ein Diodenlaser wird auf eine charakteristische Absorptionslinie des ZielmolekĂŒls abgestimmt und durchstrahlt das Prozessgas. Je mehr ZielmolekĂŒle vorhanden sind, desto mehr Licht wird absorbiert. Aus der gemessenen AbschwĂ€chung, der PfadlĂ€nge und den Prozessparametern wird die Konzentration berechnet — ohne Probenentnahme und ohne Medienkontakt.

    Was ist der Etalon-Effekt und warum ist er bei TDLS kritisch?
    Der Etalon-Effekt entsteht wenn der Laserstrahl auf parallele OberflĂ€chen — typisch: senkrecht eingebaute Fensterscheiben — trifft. Mehrfachreflexionen zwischen den GlasoberflĂ€chen erzeugen Interferenzstreifen (Fringes) die sich dem Absorptionssignal ĂŒberlagern und die Messung verfĂ€lschen können. Die Lösung: Fensterscheiben werden leicht geneigt eingebaut, damit reflektierte Strahlen aus dem Detektionsweg herausgelenkt werden.

    Warum ist die FensterspĂŒlung bei TDLS so kritisch?
    Die FensterspĂŒlung hĂ€lt optische Fenster sauber — schĂŒtzt aber gleichzeitig vor einer Fehlmessung wenn sie falsch dimensioniert ist. Zu starke SpĂŒlung kann das SpĂŒlgas in den Messpfad drĂŒcken und das Prozessgas verdrĂ€ngen. Die gemessene PfadlĂ€nge durch das Prozessgas verkĂŒrzt sich, die angezeigte Konzentration sinkt. In O₂-Inertisierungsanwendungen wĂ€re ein zu niedrig gemessener O₂-Wert wegen zu starker N₂-SpĂŒlung sicherheitsrelevant.

    Warum ist TDLS fĂŒr H₂O-Messung in der Cl₂-Elektrolyse besser geeignet als konventionelle Sensoren?
    Konventionelle Feuchtesensoren auf Basis von Phosphorpentoxid (P₂O₅) stehen in direktem Kontakt mit dem aggressiven Chlorgas und werden durch dieses zerstört — sie verschleißen schnell, reagieren langsam und erfordern hĂ€ufigen Austausch. TDLS misst den H₂O-Gehalt optisch ohne jeden Medienkontakt — mit Antwortzeiten im Sekundenbereich und ohne Degradation durch das Prozessgas.

    Warum ist TDLS besser als ZrO₂ fĂŒr O₂-Messung bei organischen Stoffen im Abgas?
    Zirkondioxid-Sensoren messen O₂ elektrochemisch an einer heißen KeramiksensoroberflĂ€che. Brennbare Begleitgase (CO, H₂, Kohlenwasserstoffe) werden an dieser OberflĂ€che oxidiert und verbrauchen dabei Sauerstoff — der Sensor zeigt fĂ€lschlicherweise weniger O₂ an als tatsĂ€chlich vorhanden ist. TDLS misst ĂŒber den optischen Absorptionsweg ohne Medienkontakt und ist daher immun gegenĂŒber diesem Effekt.

    FĂŒr welche SIL-Konfigurationen wird TDLS eingesetzt?
    In der Praxis werden vor allem 1oo2- und 2oo3-Konfigurationen eingesetzt. Bei O₂-InertisierungsĂŒberwachung ist 2oo3 verbreitet. Oft werden Systeme desselben Herstellers kombiniert — was Vorteile bei Wartung und Kalibrierung bietet, aber das Restrisiko systematischer Fehler nicht vollstĂ€ndig eliminiert. Bei höchsten Anforderungen kann diversitĂ€re Redundanz mit zwei verschiedenen Messprinzipien sinnvoll sein.

    Was ist der Unterschied zwischen single-pass und multi-pass TDLS?
    Beim single-pass durchquert der Laserstrahl das Messgas einmal. Beim multi-pass wird der Strahl durch Spiegel mehrfach durch die Messzelle gelenkt — die effektive PfadlĂ€nge und damit die Empfindlichkeit steigt erheblich. Multi-pass wird vor allem in extraktiven TDLS-Systemen fĂŒr Spurenkonzentrationsmessungen eingesetzt. In-situ single-pass ist fĂŒr die meisten Prozessanwendungen ausreichend empfindlich.

    Wie robust ist TDLS bei reduzierter Transmission durch Staub oder Ablagerungen?
    TDLS-Systeme ĂŒberwachen die Transmission des Laserstrahls kontinuierlich als Teil ihrer Eigendiagnose. Sinkt die Transmission unter einen definierten Schwellwert, wird ein Alarm ausgelöst. In der Praxis haben TDLS-Systeme bei deutlich reduzierter Transmission — etwa durch Partikel in Brennkammern — oft noch zuverlĂ€ssig gemessen. Es gibt aber eine Grenze: Wenn die Transmission zu stark absinkt, ist eine valide Messung nicht mehr möglich und das System muss als ausgefallen behandelt werden.


    Was dieser Artikel bewusst nicht behandelt

    TDLS-GerÀtetypen und Systemarchitekturen

    Unterschiedliche Konfigurationen — single-pass vs. multi-pass, extraktive TDLS-Zellen, Cross-duct vs. probe-Konfigurationen — sowie ein Überblick ĂŒber verfĂŒgbare Systemkonzepte werden in einem separaten Artikel behandelt.

    WeiterfĂŒhrend: "NIR- und Raman-Analysatoren fĂŒr die Prozessanalytik — GerĂ€tetypen, Systemkonzepte und Auswahlkriterien" (in Vorbereitung)


    Detailphysik: Harmonische Detektion und WellenlÀngenmodulation

    Die physikalischen Grundlagen der WellenlĂ€ngenmodulationsspektroskopie (WMS), 2f/1f-Detektion und verwandter Techniken sind ein eigenstĂ€ndiges Fachgebiet und werden in diesem Überblicksartikel nicht vertieft.


    Fazit

    TDLS hat sich in den letzten 30 Jahren von einer anspruchsvollen Labortechnologie zu einem der zuverlĂ€ssigsten und wartungsĂ€rmsten Messprinzipien in der industriellen Prozessgasanalytik entwickelt. Die Kombination aus In-situ-Messung ohne Medienkontakt, hoher SelektivitĂ€t, integrierter Eigendiagnose und wachsender Betriebserfahrung macht TDLS zur ersten Wahl fĂŒr eine wachsende Zahl von Prozessaufgaben — von der O₂-InertisierungsĂŒberwachung bis zur H₂O-Messung im aggressiven Chlorgasstrom.

    Die praktischen Herausforderungen — Fensterverschmutzung, Etalon-Effekt, PfadlĂ€ngenverĂ€nderung durch SpĂŒlung, DruckabhĂ€ngigkeit — sind lösbar, aber sie mĂŒssen bei der Systemauslegung explizit berĂŒcksichtigt werden. Ein TDLS-System ist nur so gut wie seine Installation und die Sorgfalt mit der die Randbedingungen des spezifischen Prozesses analysiert wurden.


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    Dusko Kadijevic | DK Consulting | Publisher Analytic Journal | analyticjournal.de | +491733129816
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    Redaktioneller Hinweis

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    Autor: Dusko Kadijevic — 20 Jahre Erfahrung als PAT-Anwender in der Prozessindustrie