Kategorie: Spektroskopie | Prozessanalytik | PAT | Messprinzipien
Autor: Dusko Kadijevic, Publisher Analytic Journal
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026
Lesezeit: ca. 10 Minuten
Zielgruppe: Prozessingenieure, PAT-Spezialisten, QualitÀtsverantwortliche, Anlagenplaner in Pharma, Chemie und Lebensmittelproduktion
NIR (Nahinfrarot-Spektroskopie) und Raman-Spektroskopie sind zwei optische Messprinzipien, die in der Prozessanalytik zur qualitativen und quantitativen Charakterisierung von Stoffen eingesetzt werden. Beide arbeiten berĂŒhrungslos und liefern molekulare Informationen â unterscheiden sich jedoch grundlegend in der physikalischen Wechselwirkung mit dem Probenmaterial, den messbaren Bindungstypen und ihrer Eignung fĂŒr verschiedene Prozessumgebungen.
Die hĂ€ufigste Fehlerquelle bei der Auswahl zwischen NIR und Raman ist der falsche Ausgangspunkt: Viele Projekte beginnen mit dem Vergleich der Technologien, bevor die Messaufgabe klar definiert ist. Das fĂŒhrt zu Projekten, die scheitern â nicht wegen schlechter Technik, sondern wegen falsch gestellter Fragen.
Die richtige Ausgangsfrage lautet nicht "NIR oder Raman?" â sondern: "Welches Messproblem soll gelöst werden?"
Erst wenn die ZielgröĂe, die Probenmatrix, die Prozessbedingungen und die Anforderungen an Geschwindigkeit und Genauigkeit klar sind, wird die Technologieentscheidung eindeutig.
NIR misst die Absorption von Licht im WellenlĂ€ngenbereich von etwa 780 bis 2500 nm. Das Licht regt Obertöne und Kombinationsschwingungen von Bindungen an, die Wasserstoffatome enthalten â vor allem C-H, O-H und N-H Bindungen. Die Absorption ist vergleichsweise schwach, weshalb NIR gut fĂŒr die Messung von Hauptkomponenten in Konzentrationen oberhalb von etwa einem Prozent geeignet ist.
NIR arbeitet typischerweise im Reflexionsmodus fĂŒr Feststoffe und Pulver sowie im Transmissionsmodus fĂŒr FlĂŒssigkeiten in Durchflusszellen.
Raman basiert auf einem anderen physikalischen Effekt: Ein Laserstrahl trifft auf die Probe, und ein kleiner Anteil des Lichts wird inelastisch gestreut â mit einer Frequenzverschiebung die charakteristisch fĂŒr die jeweilige molekulare Schwingung ist. Raman ist besonders sensitiv fĂŒr C=C, CâĄC und S-S Bindungen sowie fĂŒr symmetrische Schwingungen, die im Infrarot inaktiv sind.
Wasser zeigt im Raman-Spektrum nur ein schwaches Signal â das ist der entscheidende Vorteil gegenĂŒber NIR bei wĂ€ssrigen Proben.
| Eigenschaft | NIR | Raman |
|---|---|---|
| Physikalischer Effekt | Absorption von Nahinfrarotlicht | Inelastische Lichtstreuung (Raman-Effekt) |
| Empfindliche Bindungstypen | C-H, O-H, N-H | C=C, CâĄC, S-S, symmetrische Bindungen |
| SignalstÀrke | Mittel bis stark | Schwach (ca. 1 von 10ⷠPhotonen) |
| Wasserstörung | Stark â breite O-H Absorption | Gering â Wasser ist Raman-schwach |
| Typischer Konzentrationsbereich | > 1% (Hauptkomponenten) | < 1% möglich (Spurenkomponenten) |
| Probenvolumen | Groà (cm³-Bereich) | Klein (”m³-Bereich) |
| Messung durch BehÀlter | Begrenzt | Möglich durch Glas und transparente Kunststoffe |
Die Auswahl beginnt bei der molekularen Ebene. Welche Bindungstypen und MolekĂŒleigenschaften sollen erfasst werden?
| Messaufgabe | NIR | Raman |
|---|---|---|
| Feuchte / Wassergehalt | â | â ïž |
| Proteine, Fette, Kohlenhydrate | â | â ïž |
| Polymorphe und Kristallstrukturen | â ïž | â |
| WĂ€ssrige Lösungen, API in Wasser | â | â |
| Aromaten, konjugierte Systeme | â ïž | â |
| Gesamtgehalt Hauptkomponenten | â | â ïž |
| Spurenkomponenten < 1% | â | â |
| Blend-HomogenitĂ€t in Pulvern | â | â ïž |
NIR benötigt ein gröĂeres Probenvolumen â das ist ein Vorteil bei inhomogenen Materialien wie Pulvergemischen, weil mehr Material erfasst wird und die statistische ReprĂ€sentativitĂ€t steigt. Raman misst mikroskopisch genau â vorteilhaft fĂŒr stratifizierte Proben oder ortsaufgelöste Messungen.
| Probencharakteristik | NIR | Raman |
|---|---|---|
| GroĂvolumige Pulver und SchĂŒttgĂŒter | â | â ïž |
| Inhomogene Feststoffe | â | â ïž |
| FlĂŒssigkeiten in Durchflusszellen | â | â |
| Messung durch Glasreaktor oder BehĂ€lter | â | â |
| Ortsaufgelöste Messung (”m-Bereich) | â | â |
| Mehrphasensysteme | â | â |
Hinweis optischer Spot: NIR und Raman unterscheiden sich erheblich im Durchmesser des optischen Messpunkts â und damit in der Probenmenge die tatsĂ€chlich analysiert wird. Das bringt eigene Konsequenzen fĂŒr ProbenreprĂ€sentativitĂ€t und Messstrategie mit sich. Dieser Aspekt wird in einem separaten Analytic Journal Artikel vertieft.
Praxishinweis Mehrphasenmessung: Raman hat sich in der Praxis als ĂŒberlegenes Verfahren fĂŒr Mehrphasensysteme erwiesen. In organisch-wĂ€ssrigen Zweiphasensystemen können beide Phasen gleichzeitig ĂŒberwacht werden. Aus einem Praxisbericht eines Kollegen aus der Verfahrensentwicklung PAT bei Bayer ist zudem bekannt, dass Raman auch in Drei-Phasen-Systemen eingesetzt wurde â Feststoff, organische FlĂŒssigkeit und wĂ€ssrige Phase simultan â und dabei sowohl Edukte als auch Produkte in einer RĂŒhrkesselreaktion verfolgt werden konnten. NIR ist fĂŒr diese Aufgaben wegen der starken Wasserinterferenz und der fehlenden PhasenselektivitĂ€t nicht geeignet.
Beide Verfahren haben charakteristische StöreinflĂŒsse die bei der Auswahl berĂŒcksichtigt werden mĂŒssen:
| Interferenzquelle | NIR | Raman |
|---|---|---|
| Wasser | â Stark störend | â Kaum störend |
| Fluoreszenz | â Nicht betroffen | â Kann Signal vollstĂ€ndig ĂŒberdecken |
| PartikelgröĂe / Streuung | â ïž Beeinflusst Spektrum | â Geringer Einfluss |
| TemperaturĂ€nderungen | â ïž Einfluss auf Spektrum | â ïž Einfluss auf Laserleistung |
| Umgebungslicht | â Unproblematisch | â ïž Abschirmung nötig |
| Farbige oder dunkle Proben | â ïž Bedingt geeignet | â Fluoreszenz wahrscheinlich |
Fluoreszenz â die Achillesferse von Raman
Fluoreszenz ist die gröĂte Schwachstelle der Raman-Spektroskopie. Wenn eine Probe unter Laserbestrahlung fluoresziert, kann dieses Signal das deutlich schwĂ€chere Raman-Signal vollstĂ€ndig ĂŒberdecken â die Messung wird unbrauchbar. NIR ist von diesem Problem grundsĂ€tzlich nicht betroffen, weil das Messprinzip auf Absorption basiert und nicht auf der schwachen inelastischen Streuung.
Ein bekannter Workaround ist der Einsatz von Lasern im NIR-Bereich (typischerweise 1064 nm) statt der ĂŒblicheren sichtbaren Laser (532 nm, 785 nm). LĂ€ngerwellige Laser regen Fluoreszenz deutlich weniger an â das Problem wird damit oft beherrschbar. Der Preis dafĂŒr: Die Quantenausbeute des Raman-Effekts sinkt mit zunehmender WellenlĂ€nge erheblich. Das bedeutet schwĂ€chere Signale, lĂ€ngere Messzeiten und einen schlechteren Signal-Rausch-Abstand. Es ist ein direkter Trade-off zwischen FluoreszenzunterdrĂŒckung und spektroskopischer Empfindlichkeit.
In der Praxis bedeutet das: Vor jeder Raman-Installation sollte die Fluoreszenzneigung der Probe und möglicher Begleitkomponenten systematisch getestet werden â und die LaserwellenlĂ€nge gezielt auf die Anforderungen der Applikation abgestimmt werden.
Praxishinweis aus dem Feld â zwei separate Probleme an einer Raman-Installation in der organischen Synthese:
Problem 1 â Sondenfenster-Belegung: In der Anfangsphase der Installation verschlechterten sich die Raman-Spektren schrittweise. Die Ursache war eine Belegung der Sondenfenster durch Prozessablagerungen. Die Lösung war der Aufbau einer regelmĂ€Ăigen Fensterreinigung â eine interne SpĂŒlung die in das Sondendesign integriert wurde. Ohne diese MaĂnahme wĂ€re der Analysator im laufenden Betrieb nicht langfristig einsatzfĂ€hig gewesen.
Problem 2 â Thermalöl-Durchbruch: SpĂ€ter kam es zu einem Durchbruch von Thermalöl aus dem WĂ€rmetauscher in den Prozess. Das Thermalöl gelangte in Spuren in das Reaktionsmedium â unsichtbar fĂŒr das Auge und fĂŒr konventionelle ProzessĂŒberwachung. Das Raman-System detektierte den Durchbruch deutlich schneller als die Anlagenfahrer ĂŒber eine manuelle Probennahme aus dem laufenden Reaktor â erkennbar durch ein charakteristisches Fluoreszenzsignal das dem Thermalöl zugeordnet werden konnte. Was zunĂ€chst wie ein GerĂ€teausfall aussah, war ein frĂŒhzeitiges Warnsignal fĂŒr eine Prozessabweichung die andernfalls erst deutlich spĂ€ter entdeckt worden wĂ€re.
Die Lektion aus beiden FĂ€llen: Sondenpflege und ProzessintegritĂ€t sind in Raman-Anwendungen genauso kritisch wie die spektroskopische Leistung des GerĂ€ts. Und manchmal ist ein unerwartetes Signal kein Fehler â sondern der wertvollste Messwert des Tages.
NIR ist das schnellere Verfahren â Messzeiten von unter einer Sekunde sind möglich. Raman benötigt je nach SignalstĂ€rke typischerweise mehrere Sekunden bis zu einer Minute. Bei langsamen Batch-Prozessen ist dieser Unterschied meist irrelevant â bei kontinuierlichen Hochgeschwindigkeitsprozessen kann er entscheidend sein.
| Geschwindigkeitsanforderung | NIR | Raman |
|---|---|---|
| Messzeit | 0,1 â 2 Sekunden typisch | 2 â 60 Sekunden typisch |
| Kontinuierliche Hochgeschwindigkeitsprozesse | â | â ïž |
| Batch-Prozesse mit Stunden-Zeitskala | â | â |
| Endpunkterkennung in langsamen Reaktionen | â | â |
Die Investitionskosten sind nur ein Teil der Gesamtrechnung. Kalibrieraufwand, Wartung, Sondenlebensdauer und regulatorische Anforderungen bestimmen die tatsĂ€chlichen Betriebskosten ĂŒber den Lebenszyklus.
| Kostenfaktor | NIR | Raman |
|---|---|---|
| Typische Investitionskosten ProzessgerÀt | Geringer | Höher |
| Laserwarung erforderlich | Nein | Ja |
| Sondenverschleià in rauhen Umgebungen | Geringer | Höher (Fenster, Dichtungen, Fasern) |
| Kalibrieraufwand Modellentwicklung | Vergleichbar | Vergleichbar |
| Regulatorische Akzeptanz | Sehr hoch (20+ Jahre Praxis) | Wachsend, aber noch weniger ausgereift |
| Vorverarbeitung der Spektren | Aufwendiger (Streukorrektur) | Geringer |
Hinweis: Kostenangaben sind Orientierungswerte. Aktuelle Preise und Konfigurationen sind direkt bei den Herstellern anzufragen.
In anspruchsvollen PAT-Anwendungen mĂŒssen sich NIR und Raman nicht ausschlieĂen. Einige der wirksamsten Implementierungen kombinieren beide Verfahren gezielt, weil sie komplementĂ€re Informationen liefern:
Beispiel API-Kristallisation:
Beispiel Tablettenproduktion:
Wann ist der kombinierte Einsatz sinnvoll?
Legende: â Bevorzugt | â ïž Bedingt geeignet | â Nicht geeignet | â Kombinierter Einsatz empfohlen
| Anwendung | NIR | Raman | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Blend-HomogenitĂ€t Pulver | â | â ïž | NIR bevorzugt wegen gröĂerem Probenvolumen |
| Polymorphkontrolle | â ïž | â | Raman fĂŒr Kristallstruktur ĂŒberlegen |
| Feuchtemessung Granulat/Pulver | â | â | NIR â O-H Bindung direkt messbar |
| API in wĂ€ssriger Lösung | â | â | Raman â Wasser stört NIR nicht |
| Reaktionskontrolle durch Glasreaktor | â | â | Raman â Messung durch Glas möglich |
| Fermentation Online | â ïž | â | Raman bevorzugt wegen wĂ€ssriger Matrix |
| Beschichtungskontrolle Tablette | â ïž | â | Raman â ortsaufgelöst, durch Beschichtung |
| Ăl- und Fettanalytik | â | â ïž | NIR bewĂ€hrt, breite Datenbasis |
| Aromatengehalt Petrochemie | â ïž | â | Raman sensitiv fĂŒr C=C Bindungen |
| Mehrphasensysteme organisch/wĂ€ssrig | â | â | Raman kann beide Phasen simultan erfassen |
| Fest/FlĂŒssig Mehrphasensysteme | â | â | Raman dokumentiert fĂŒr 3-Phasen-Systeme |
| Rohstoffidentifikation | â | â | Beide geeignet â abhĂ€ngig von Matrix |
| Spurenkomponenten < 0,1% | â | â | Raman empfindlicher bei geringen Konzentrationen |
| Hochgeschwindigkeitsmessung | â | â ïž | NIR schneller |
| Fluoreszente Proben | â | â | NIR nicht von Fluoreszenz betroffen |
Praxishinweis: Die Technologieentscheidung macht etwa 20 Prozent des Projekterfolgs aus. Die Probenahmestrategie macht 80 Prozent aus. Ein teures Raman-System kann an einer schlecht gewĂ€hlten Probennahmestelle scheitern. Ein einfaches NIR-System kann in vier Monaten einen positiven ROI liefern, wenn die Probennahme nach den GrundsĂ€tzen der Theorie des Stichprobennehmens (TOS â Theory of Sampling) ausgelegt ist. Die beste Sonde misst nur das, was man ihr gibt. Wenn die Probe nicht reprĂ€sentativ ist, hilft keine Technologie.
Typische Fehler bei der Technologieauswahl:
| Norm / Richtlinie | Herausgeber | Inhalt |
|---|---|---|
| ASTM E1655 | ASTM International | PrĂŒfverfahren fĂŒr multivariate quantitative Analyse im Nahinfrarot â Grundlage fĂŒr NIR-Kalibrierung |
| ASTM E1840 | ASTM International | Leitfaden fĂŒr Raman-Spektroskopie â Grundlagen und Anwendungen |
| USP <1119> | USP | NIR-Spektroskopie in der pharmazeutischen Analytik â Anforderungen und Validierung |
| USP <858> | USP | Raman-Spektroskopie â pharmazeutische Anwendungen und Qualifizierung |
| EP 2.2.40 | EuropĂ€isches Arzneibuch | NIR-Spektroskopie â Anforderungen fĂŒr pharmazeutische Anwendungen |
| EP 2.2.48 | EuropĂ€isches Arzneibuch | Raman-Spektroskopie â Anforderungen und Qualifizierung |
| ICH Q2(R2) | ICH | Validierung analytischer Methoden â gilt fĂŒr beide Verfahren |
| FDA PAT Guidance (2004) | FDA | Rahmenwerk fĂŒr spektroskopische PAT-Methoden in der pharmazeutischen Herstellung |
Was ist der grundlegende Unterschied zwischen NIR und Raman?
NIR misst die Absorption von Nahinfrarotlicht durch Bindungen mit Wasserstoffbeteiligung â vor allem C-H, O-H und N-H. Raman misst die inelastische Streuung von Laserlicht und ist besonders sensitiv fĂŒr C=C, CâĄC und S-S Bindungen sowie symmetrische MolekĂŒlschwingungen. Wasser zeigt im NIR eine starke Absorption, im Raman jedoch ein schwaches Signal â das ist der entscheidende praktische Unterschied bei wĂ€ssrigen Proben.
Wann ist NIR besser als Raman?
NIR ist besser geeignet bei Messungen von Feuchte, Proteinen, Fetten und Kohlenhydraten in festen oder flĂŒssigen Proben ohne hohen Wasseranteil. NIR ist schneller, robuster gegenĂŒber Fluoreszenz, hat niedrigere Investitionskosten und eine breitere regulatorische Datenbasis. FĂŒr die Ăberwachung von Blend-HomogenitĂ€t in groĂvolumigen Pulvermischern ist NIR wegen des gröĂeren Probenvolumens oft die bessere Wahl.
Wann ist Raman besser als NIR?
Raman ist besser fĂŒr wĂ€ssrige Systeme, Polymorphkontrolle, Messungen durch GlasbehĂ€lter und Spurenkomponenten unter einem Prozent. In der FermentationsĂŒberwachung und bei API-Messungen in wĂ€ssrigen Formulierungen ist Raman klar im Vorteil. Raman eignet sich auch fĂŒr die ortsaufgelöste Messung in Beschichtungen und Schichtstrukturen.
Welche Probleme kann Fluoreszenz bei Raman verursachen?
Fluoreszenz kann das Raman-Signal vollstĂ€ndig ĂŒberdecken und die Messung unbrauchbar machen. Sie tritt besonders bei farbigen, dunklen oder verunreinigten Proben auf. Auch Spuren von Fremdsubstanzen â wie Ăle aus Dichtungen oder Schmierstoffe â können Fluoreszenz auslösen, was einerseits die Messung stört, andererseits als FrĂŒhwarnsignal fĂŒr Prozessabweichungen genutzt werden kann. NIR ist von Fluoreszenz nicht betroffen.
Was bedeutet TOS und warum ist es fĂŒr beide Verfahren entscheidend?
TOS steht fĂŒr Theory of Sampling â die wissenschaftliche Grundlage fĂŒr reprĂ€sentative Probennahme. Beide Verfahren, NIR wie Raman, können nur so gute Ergebnisse liefern wie die Probe, die sie erhalten. Eine nicht-reprĂ€sentative Probennahme macht selbst das beste Spektrometer wertlos. In der Praxis scheitern PAT-Projekte hĂ€ufiger an der Probennahme als an der Spektroskopie selbst.
Können NIR und Raman kombiniert eingesetzt werden?
Ja â und in kritischen Prozessen ist das oft die wirksamste Strategie. NIR und Raman liefern komplementĂ€re Informationen: NIR erfasst Hauptkomponenten, Feuchte und physikalische Eigenschaften groĂer Probenvolumina; Raman liefert Kristallstruktur, Spurenkomponenten und ortsaufgelöste Daten. In der Tablettenproduktion oder bei API-Kristallisationen kann die Kombination beider Verfahren ein vollstĂ€ndiges Prozessbild ergeben, das keines der Verfahren allein liefern könnte.
Wie aufwendig ist die Kalibrierung fĂŒr NIR und Raman?
Der Aufwand fĂŒr die Modellentwicklung ist bei beiden Verfahren vergleichbar â er hĂ€ngt mehr von der KomplexitĂ€t der Messaufgabe ab als vom Verfahren selbst. NIR erfordert oft mehr spektrale Vorverarbeitung (Streukorrektur, Ableitungen), Raman erfordert Fluoreszenzmanagement. Beide benötigen reprĂ€sentative Kalibrierdaten unter realen Prozessbedingungen â nicht unter Laborbedingungen.
Welche Normen gelten fĂŒr NIR und Raman in der Pharmaindustrie?
FĂŒr NIR gelten USP <1119> (USA) und EP 2.2.40 (Europa). FĂŒr Raman gelten USP <858> und EP 2.2.48. Beide Verfahren unterliegen ICH Q2(R2) fĂŒr die Methodenvalidierung. Im Rahmen von PAT-Implementierungen ist zusĂ€tzlich die FDA PAT Guidance von 2004 maĂgeblich. In der UK gelten nach Brexit die MHRA-Ă€quivalenten Anforderungen basierend auf den europĂ€ischen Pharmakopöe-Standards.
GerÀtetechnologien und Systemkonzepte im Detail
Dispersive NIR vs. FT-NIR, sowie unterschiedliche Raman-Systemkonzepte â darunter HTS-Raman (High-Throughput Screening mit schneller Datenerfassung), Time-Gated Raman als neuere instrumentelle Methode zur FluoreszenzunterdrĂŒckung durch zeitliche Trennung von Raman-Signal und Fluoreszenzemission, sowie weitere spezialisierte Systemarchitekturen â werden in einem separaten Artikel behandelt. Diese GerĂ€teebene ist eine eigenstĂ€ndige Entscheidung nach der Technologieauswahl.
WeiterfĂŒhrend: "NIR- und Raman-Analysatoren fĂŒr die Prozessanalytik â GerĂ€tetypen, Systemkonzepte und Auswahlkriterien" (in Vorbereitung)
Chemometrie und Kalibriermodellentwicklung
Die Entwicklung multivariater Kalibriermodelle fĂŒr NIR und Raman â PLS, PCR, maschinelles Lernen â ist ein eigenstĂ€ndiges Fachgebiet mit eigenen Validierungsanforderungen.
WeiterfĂŒhrend: "Kalibrierung und Validierung spektroskopischer PAT-Methoden" (in Vorbereitung)
Die Entscheidung zwischen NIR und Raman ist keine Frage der besseren Technologie â es gibt keine. Es ist eine Frage der besseren Passung zur Messaufgabe. Wer die ZielgröĂe, die Probenmatrix und die Prozessbedingungen kennt, kommt zu einer eindeutigen Antwort.
Die wichtigste Erkenntnis aus der Praxis: Die Technologieentscheidung ist der kleinere Teil des Projekterfolgs. Die Probenahmestrategie, das ProzessverstÀndnis und die Kalibrierung unter realen Bedingungen bestimmen, ob ein PAT-System liefert oder scheitert.
Und wenn keine der beiden Technologien allein ausreicht â die Kombination ist keine Ausnahme, sondern in kritischen Prozessen oft die klĂŒgere Wahl.
| Norm | Herausgeber | Inhalt (paraphrasiert) |
|---|---|---|
| ASTM E1655 | ASTM International | PrĂŒfpraktiken fĂŒr multivariate Infrarotanalyse â Grundlage fĂŒr NIR-Kalibriermodelle |
| ASTM E1840 | ASTM International | Leitfaden zur Raman-Spektroskopie â Grundlagen, GerĂ€teanforderungen, Anwendungen |
| USP <1119> | USP | NIR-Spektroskopie in pharmazeutischen Anwendungen â Anforderungen an GerĂ€te und Methoden |
| USP <858> | USP | Raman-Spektroskopie â pharmazeutische Qualifizierungsanforderungen |
| EP 2.2.40 | EDQM | NIR-Anforderungen im EuropÀischen Arzneibuch |
| EP 2.2.48 | EDQM | Raman-Anforderungen im EuropÀischen Arzneibuch |
| ICH Q2(R2) | ICH | Validierung analytischer Verfahren â gilt fĂŒr spektroskopische PAT-Methoden |
| FDA PAT Guidance | FDA | Rahmenwerk fĂŒr PAT-Implementierungen in der pharmazeutischen Herstellung |
NAMUR-Empfehlungen zur Prozessanalytik (NE-Reihe) â insbesondere zu Probenahmesystemen und Analysatorintegration in Prozessleitsysteme.
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Dusko Kadijevic | DK Consulting | Publisher Analytic Journal | analyticjournal.de | +491733129816
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Autor: Dusko Kadijevic â 20 Jahre Erfahrung als PAT-Anwender in der Prozessindustrie