Kategorie: EmissionsĂŒberwachung | Gasanalytik | Prozessanalytik | Umweltmesstechnik
Autor: Dusko Kadijevic, Publisher Analytic Journal
Zuletzt aktualisiert: Mai 2026
Lesezeit: ca. 11 Minuten
Zielgruppe: Prozessingenieure, Umweltbeauftragte, Anlagenbetreiber, Messtechniker in genehmigungspflichtigen Industrieanlagen
CEMS (Continuous Emission Monitoring System) bezeichnet ein System zur kontinuierlichen, automatischen Messung von Schadstoffemissionen aus Industrieanlagen â mit dem Ziel, die Einhaltung behördlich festgelegter Emissionsgrenzwerte in Echtzeit nachzuweisen, zu dokumentieren und gegebenenfalls in die Anlagensteuerung zurĂŒckzuspeisen. CEMS ist nicht freiwillig â es ist eine behördliche Auflage, deren Umfang und AusfĂŒhrung durch die Betriebsgenehmigung der jeweiligen Anlage festgelegt wird.
Bevor ein CEMS-System ausgelegt, beschafft oder gebaut wird, steht ein Dokument im Mittelpunkt das alle weiteren Entscheidungen vorbestimmt: die Betriebsgenehmigung der Anlage.
Die Genehmigungsbehörde legt darin fest:
Was gemessen wird, ist also keine freie Entscheidung des Anlagenbetreibers â sondern das Ergebnis einer regulatorischen Festlegung, die von der Art der Anlage, dem eingesetzten Brennstoff, den verbrannten oder verarbeiteten Stoffen und den lokalen Genehmigungsvoraussetzungen abhĂ€ngt.
Praxishinweis: Was in einer Anlage verbrannt oder verarbeitet wird, bestimmt direkt welche Schadstoffe relevant sind. Kohle- und Braunkohle-Kraftwerke mĂŒssen Quecksilber ĂŒberwachen, weil Kohle natĂŒrlich Quecksilber enthĂ€lt. Abfallverbrennungsanlagen mit gemischten Abfallströmen â etwa GewerbeabfĂ€lle, SonderabfĂ€lle oder Ă€ltere Materialien â können ebenfalls quecksilberhaltige Einsatzstoffe erhalten: Leuchtstofflampen, quecksilberhaltige Schalter, Amalgam aus Zahnarztpraxen oder alte MessgerĂ€te. Quecksilberthermometer aus KrankenhĂ€usern und Arztpraxen sind rechtlich gefĂ€hrlicher Abfall und mĂŒssen getrennt entsorgt werden â sie dĂŒrfen nicht in den normalen Krankenhausabfall. In der Praxis ist dennoch nicht auszuschlieĂen, dass bei unsachgemĂ€Ăer Handhabung oder in Ă€lteren Abfallströmen quecksilberhaltige Materialien in die Verbrennungsanlage gelangen. Wer solche AbfĂ€lle annimmt, muss das Risiko kennen â und die Behörde legt dann QuecksilberĂŒberwachung fest.
In Deutschland dĂŒrfen fĂŒr die behördlich angeordnete kontinuierliche EmissionsĂŒberwachung nur eignungsgeprĂŒfte Messeinrichtungen eingesetzt werden. Das bedeutet: nicht jedes technisch geeignete GerĂ€t darf verwendet werden â nur solche, die ein offizielles EignungsprĂŒfverfahren durchlaufen haben.
Die EignungsprĂŒfung erfolgt nach DIN EN 15267 (europĂ€ische Norm fĂŒr automatische Messsysteme) sowie nationalen Mindestanforderungen. Das Ergebnis wird vom Umweltbundesamt (UBA) im Bundesanzeiger veröffentlicht. Auf der Seite www.qal1.de sind alle seit 2009 zertifizierten Mess- und Auswerteeinrichtungen gelistet.
Was geprĂŒft wird:
Praxishinweis â neue Technologien im Genehmigungsverfahren: In einer Verbrennungsanlage wurden halogenierte Verbindungen (Brom, Chlor) jahrelang nasschemisch bestimmt. Als ein Lasermesssystem entwickelt wurde, das dieselbe Messaufgabe prĂ€ziser, wartungsĂ€rmer und kontinuierlich lösen konnte, befand sich dieses GerĂ€t noch im EignungsprĂŒfverfahren. Die Behörde akzeptierte den Aufbau des neuen Systems auf Basis einer Vereinbarung â unter der Bedingung, dass die nasschemische Referenzmessung parallel weitergefĂŒhrt wird, bis die EignungsprĂŒfung abgeschlossen ist. Das neue System war technisch ĂŒberlegen und bekam schlieĂlich die Eignungszulassung. Die Lektion: Behörden können pragmatisch sein, wenn die technische Ăberlegenheit nachvollziehbar dargelegt wird und die Ăbergangslösung transparent ist.
| Komponente | Typische Messprinzipien | Typische Anlagen |
|---|---|---|
| SOâ | NDIR, UV-Photometrie, FTIR | Kraftwerke, Zementwerke, Raffinerien |
| NOâ (NO, NOâ) | Chemolumineszenz, NDIR, FTIR | Verbrennungsanlagen, Motoren, Gasturbinen |
| CO | NDIR, TDLS | Verbrennungsanlagen, Kokereien |
| COâ | NDIR | Kraftwerke, Treibhausgasberichterstattung |
| Oâ | Paramagnetisch, ZrOâ, TDLS | Verbrennungsregelung, alle Feuerungsanlagen |
| HCl | FTIR, TDLS, nasschemisch | Abfallverbrennungsanlagen, Chlorchemie |
| HF | FTIR, TDLS | Glasindustrie, AluminiumhĂŒtten |
| Staub | Streulicht, Durchlicht, Triboelektrik | Alle Feuerungsanlagen, Zementwerke |
| Quecksilber (Hg) | Goldfallentechnik, CVAAS, CVAF, Sorbenstechnik | Kohle- und Abfallkraftwerke, Zement |
| VOC / TOC | FID | Lackieranlagen, Lösemittelverarbeitung |
| NHâ | TDLS, FTIR | SCR-Anlagen (Entstickung) |
| Abgasvolumenstrom | Differenzdruckmessung, Ultraschall, Pitot | Alle Anlagen mit Massenstrombilanz |
Quecksilber (Hg) ist einer der anspruchsvollsten Messstoffe in der EmissionsĂŒberwachung. Es liegt im Abgas in verschiedenen chemischen Formen vor â elementares Hgâ°, zweiwertiges HgÂČâș (reaktiv) und partikelgebundenes Hg â und erfordert je nach Anforderung unterschiedliche Messprinzipien.
Goldfallentechnik: Quecksilber wird aus dem Abgasstrom an einer GoldoberflĂ€che adsorbiert (amalgamiert). Nach definierter Sammelzeit wird die Goldfalle thermisch regeneriert und das freigesetzte Hg detektiert â typischerweise per Kaltdampf-Atomabsorption (CVAAS) oder Atomfluoreszenz (CVAF). Dieses Verfahren ist hochempfindlich und in Deutschland eignungsgeprĂŒft.
Direktmessende Systeme: Moderne CEMS-Systeme fĂŒr Quecksilber können kontinuierlich messen â entweder durch in-situ Laserspektroskopie oder durch extraktive Konditionierung mit anschlieĂender CVAAS/CVAF-Detektion.
Wann ist Quecksilbermessung in der Regel vorgeschrieben oder unter UmstÀnden notwendig?
Praxishinweis aus dem Anlagenbetrieb: In einer Verbrennungsanlage trat Quecksilber im Abgas auf, obwohl der Betreiber keine Stoffströme mit bekanntem Hg-Gehalt annahm. Die Behörde ordnete daraufhin eine dauerhafte Hg-Ăberwachung an â als Reaktion auf diese spezifische Betriebserfahrung, nicht wegen einer generellen Pflicht. Das zeigt: Auch wenn ein Betreiber keinen offensichtlichen Hg-Eintrag erwartet, kann eine Anlage aufgrund ihrer Betriebshistorie zur dauerhaften Hg-Messung verpflichtet werden. Quecksilberthermometer aus KrankenhĂ€usern und Arztpraxen sind rechtlich gefĂ€hrlicher Abfall â sie mĂŒssen getrennt entsorgt werden und dĂŒrfen nicht in den allgemeinen Abfallstrom. In der Praxis ist dennoch nicht auszuschlieĂen, dass bei unsachgemĂ€Ăer Handhabung quecksilberhaltige Materialien in Anlagen gelangen. Die Behörde reagiert auf solche Erfahrungen mit dauerhaften Messauflagen.
Ein oft unterschÀtzter aber regulatorisch kritischer Teil des CEMS ist der Emissionsrechner (auch Emissionsdatenauswertesystem oder EDAS). Er nimmt die Rohsignale aller Analysatoren entgegen, berechnet daraus die Emissionsmassenströme und speichert die Daten revisionssicher.
Warum der Emissionsrechner direkt angeschlossen sein muss:
Der Emissionsrechner muss direkt mit den MessgerĂ€ten verbunden sein â eine Verbindung ĂŒber das Prozessleitsystem (PLS) ist in Deutschland nicht zulĂ€ssig. Der Grund: Das PLS ist ein Betriebssystem das theoretisch manipuliert werden kann. Der Emissionsrechner ist eine separate, manipulationssichere Einheit, deren Datenpfade und Zugriffsrechte klar geregelt sind. Dieses Prinzip â direkte, manipulationssichere Datenerfassung ohne Umweg ĂŒber Betriebssysteme â gilt sinngemÀà auch in den USA (DAHS nach 40 CFR Part 75) und im UK (EA Guidance M2), auch wenn die technischen Umsetzungsanforderungen im Detail abweichen.
Anforderungen an den Emissionsrechner (Deutschland):
EignungsgeprĂŒfte Emissionsrechner werden vom Umweltbundesamt im Bundesanzeiger bekanntgegeben und auf www.qal1.de gelistet.
JĂ€hrliche ĂberprĂŒfung durch unabhĂ€ngige Dritte:
Neben der laufenden QualitĂ€tssicherung durch den Betreiber (QAL3) ist eine jĂ€hrliche ĂberprĂŒfung durch eine akkreditierte, unabhĂ€ngige Messstelle vorgeschrieben (AST â Annual Surveillance Test nach EN 14181). In Deutschland ĂŒbernehmen diese Aufgabe hĂ€ufig akkreditierte Stellen wie TĂV oder DEKRA. Diese PrĂŒfung bestĂ€tigt, dass das CEMS unter realen Betriebsbedingungen noch innerhalb der zulĂ€ssigen Toleranzen arbeitet und die QAL3-Dokumentation korrekt gefĂŒhrt wurde. Die PrĂŒfergebnisse mĂŒssen der Behörde vorgelegt werden.
Die QualitÀtssicherung eines CEMS ist in der europÀischen Norm EN 14181 geregelt. Sie definiert vier Stufen:
| Stufe | Bezeichnung | Inhalt | Wer fĂŒhrt durch | HĂ€ufigkeit |
|---|---|---|---|---|
| QAL1 | EignungsprĂŒfung | Nachweis der grundsĂ€tzlichen Eignung des Messsystems fĂŒr die Aufgabe | Akkreditierte PrĂŒfstelle | Einmalig vor Inbetriebnahme |
| QAL2 | Kalibrierung vor Ort | Abgleich des CEMS gegen Referenzmessverfahren unter realen Prozessbedingungen | Akkreditierte Messstelle | Bei Inbetriebnahme, dann alle 3 Jahre |
| QAL3 | Kontinuierliche QualitĂ€tskontrolle | TĂ€gliche Ăberwachung der MessbereichsstabilitĂ€t durch Referenzgase | Betreiber | TĂ€glich automatisch |
| AST | Annual Surveillance Test | JĂ€hrliche ĂberprĂŒfung der QAL3-Daten durch externe Stelle | Akkreditierte PrĂŒfstelle | JĂ€hrlich |
CUSUM-Karten in der QAL3:
FĂŒr die statistische Ăberwachung der tĂ€glichen Kalibrierungen werden hĂ€ufig CUSUM-Karten (Cumulative Sum Control Charts) eingesetzt. Sie erkennen systematische Drifts frĂŒhzeitig â bevor ein Eingriff nach konventionellen Regelkarten ausgelöst wĂŒrde. CUSUM-Karten zeigen nicht nur ob ein Eingriff notwendig ist, sondern auch ob ein Eingriff statistisch gerechtfertigt war â ein wichtiges Instrument fĂŒr die Dokumentation von WartungsmaĂnahmen gegenĂŒber der Behörde.
Emissionsmessung wird hĂ€ufig ausschlieĂlich als Compliance-Werkzeug betrachtet. Das greift zu kurz. CEMS-Daten liefern in vielen Prozessen wertvolle Informationen ĂŒber den Betriebszustand der Anlage selbst.
CO, COâ, NOâ und Oâ zeigen ob eine Verbrennung sauber und vollstĂ€ndig ablĂ€uft. VerĂ€nderungen in diesen Werten können auf eine falsche Luftzahl, verschlissene Brenner, Verschmutzungen oder beginnende Prozessstörungen hinweisen â bevor Grenzwerte verletzt werden oder SchĂ€den entstehen. Der Prozess lĂ€sst sich damit schneller nachregeln und Energie wird nicht durch ineffiziente Verbrennung verschwendet.
Wichtiger Unterschied: Emissionsmessung ist bei dieser Nutzung ein indirekter Stellhebel â der Prozess wird nicht direkt ĂŒber Emissionswerte geregelt, sondern die Messwerte dienen als Diagnoseinformation zur Bewertung des Prozesszustands. Das ist ein wesentlicher Unterschied zur SIL-Prozesssteuerung: Im Bereich der funktionalen Sicherheit (SIL) sind CEMS-Messeinrichtungen grundsĂ€tzlich nicht fĂŒr die direkte Sicherheitsregelung vorgesehen â dafĂŒr gibt es eigene, eignungsgeprĂŒfte Sicherheitsmesskreise.
Praxisbeispiel COâ-Mengenmessung mit hohem ROI: In einer Industrieanlage wurde COâ bisher auf Basis einzelner Jahresmessungen pauschal berechnet â mit konservativen AufschlĂ€gen die den tatsĂ€chlichen AusstoĂ systematisch ĂŒberschĂ€tzten. Nach EinfĂŒhrung einer kontinuierlichen COâ-Messung zeigte sich eine deutlich geringere tatsĂ€chliche Emissionsmenge. Das ermöglichte eine verursachergerechte Berechnung statt einer pauschalen KonservativabschĂ€tzung â mit direkten wirtschaftlichen Auswirkungen auf die Kostenberechnung. Der Return on Investment der Messanlage lag bei unter 12 Monaten.
CEMS-Systeme sind stark reguliert und unterliegen hĂ€ufigen normativen Anpassungen. Wer CEMS betreibt, muss den regulatorischen Stand kontinuierlich im Auge behalten. FĂŒr GroĂanlagen und Konzerne mit vielen Anlagenstandorten kann es sinnvoll sein, Planung, Aufbau und Inbetriebnahme von CEMS-Anlagen an spezialisierte Dienstleister zu vergeben â und nur die Betriebsverantwortung intern zu halten. Dienstleister die auf Emissionsmesstechnik spezialisiert sind, kennen den aktuellen Stand der EignungsprĂŒfungen, die zugelassenen Systeme und die Anforderungen der jeweiligen Behörden. Die interne Kompetenz sollte dann auf der Ausschreibung, QualitĂ€tskontrolle und behördlichen Kommunikation liegen â nicht auf der technischen Detailplanung.
| Anlagentyp | Typische CEMS-Komponenten | Besonderheiten |
|---|---|---|
| Kohlekraftwerk | SOâ, NOâ, CO, Oâ, Staub, Hg, COâ | Quecksilber aus Kohle; hohe Staubbeladung; Volumenstromerfassung fĂŒr Massenstrombilanz |
| Abfallverbrennungsanlage | SOâ, NOâ, CO, HCl, HF, Staub, TOC, Hg, Dioxine (periodisch) | Komplexeste CEMS-Anforderungen; gemischte Abfallströme; Quecksilber aus SonderabfĂ€llen |
| Zementwerk | NOâ, SOâ, CO, Oâ, Staub, Hg | Einsatz von Ersatzbrennstoffen erhöht Messlast; hohe Staubbeladung |
| Chemieanlage / Verbrennung | Anlagenspezifisch nach Genehmigung | Halogenierte Verbindungen, Schwermetalle je nach Einsatzstoff |
| Gasturbine / Motorenanlage | NOâ, CO, Oâ | Schnelle Lastwechsel erfordern kurze Antwortzeiten |
| Glasschmelzofen | SOâ, NOâ, HF, Staub | HF-Messung kritisch; aggressive Abgasmatrix |
| SCR-Entstickungsanlage | NHâ (Schlupfmessung) | TDLS-Lasermessung zunehmend Standard fĂŒr NHâ |
Die rechtliche Grundlage in Deutschland ist das Bundes-Immissionsschutzgesetz (BImSchG) und die zugehörigen Verordnungen:
Messvorschriften: VDI 2066 (Staub), VDI 2878 (Messung von Emissionen), DIN EN 14181 (QA fĂŒr automatische Messsysteme).
Die Liste eignungsgeprĂŒfter Messeinrichtungen wird vom Umweltbundesamt im Bundesanzeiger veröffentlicht. Zertifikate sind unter www.qal1.de einsehbar.
Die Industrieemissionsrichtlinie (IED, 2010/75/EU) setzt den europĂ€ischen Rahmen. Sie verlangt den Einsatz der Besten VerfĂŒgbaren Techniken (BVT), definiert in BVT-MerkblĂ€ttern (BREFs). Emissionsgrenzwerte orientieren sich an den BVT-Schlussfolgerungen.
FĂŒr CEMS gilt europaweit:
In den USA regelt die Environmental Protection Agency (EPA) die EmissionsĂŒberwachung unter dem Clean Air Act:
Performance Specifications (PS) definieren Mindestanforderungen an CEMS-Systeme. Relative Accuracy Test Audits (RATA) entsprechen der europĂ€ischen QAL2 â jĂ€hrlicher Abgleich gegen Referenzmessverfahren.
Fackeln (Flares) â ein US-spezifisches Thema:
In den USA ist der Betrieb von Fackeln zur Ableitung ĂŒberschĂŒssiger Prozessgase weit verbreitet â in der Petrochemie, Raffinerie und im Upstream-Bereich. In Deutschland und der EU ist das kontinuierliche Abfackeln von Prozessgasen grundsĂ€tzlich unerwĂŒnscht und regulatorisch stark eingeschrĂ€nkt â ĂŒberschĂŒssige Gase mĂŒssen verwertet oder behandelt werden.
FĂŒr Fackeln in den USA gelten unter 40 CFR § 63.670 spezifische Anforderungen:
Diese Anforderungen sind seit 2019 deutlich verschĂ€rft worden. CEMS-Systeme an Fackeln mĂŒssen Gasfluss, Zusammensetzung und Heizwert kontinuierlich erfassen â um die Verbrennungseffizienz rechnerisch nachzuweisen.
Im UK gelten nach Brexit eigenstÀndige Anforderungen:
Eine grundlegende Systementscheidung beim CEMS-Aufbau ist die Frage: extraktives System oder In-situ-Messung?
| Merkmal | Extraktives CEMS | In-situ CEMS |
|---|---|---|
| Messprinzip | Probe wird entnommen, konditioniert, analysiert | Messung direkt im Abgaskanal |
| Probenaufbereitung | Aufwendig â KĂŒhler, Filter, Pumpen, Leitungen | Nicht erforderlich |
| Antwortzeit | Langsamer (Transportweg) | Schnell (Sekunden) |
| Wartungsaufwand | Hoch (Probennahmesystem) | Mittel (Optik, Fensterreinigung) |
| Geeignet fĂŒr kondensierbare Stoffe | Ja (mit beheizten Leitungen) | Bedingt |
| Staubbeladung | Filterung möglich | Kritisch â optische Systeme empfindlich |
| Typische Messprinzipien | NDIR, FTIR, Chemolumineszenz, Goldfalle | TDLS, UV-DOAS, Durchlichtmessung |
Was ist CEMS und warum ist es Pflicht?
CEMS steht fĂŒr Continuous Emission Monitoring System â ein System zur kontinuierlichen Messung von Schadstoffemissionen aus Industrieanlagen. Es ist keine freiwillige MaĂnahme, sondern eine behördliche Auflage, die in der Betriebsgenehmigung der Anlage festgelegt wird. Welche Stoffe gemessen werden mĂŒssen, hĂ€ngt von Anlagentyp, Brennstoff und verarbeiteten Materialien ab.
Wer legt fest was in einer Anlage gemessen werden muss?
Die Genehmigungsbehörde â in Deutschland die zustĂ€ndige Landesbehörde im Rahmen des BImSchG. Die Betriebsgenehmigung legt Messkomponenten, Grenzwerte, zulĂ€ssige Messsysteme und QualitĂ€tssicherungsanforderungen fest. Der Betreiber hat keinen freien Spielraum bei der Grundauswahl der Messkomponenten.
Was sind eignungsgeprĂŒfte Messeinrichtungen?
MessgerĂ€te die ein offizielles PrĂŒfverfahren nach DIN EN 15267 durchlaufen und vom Umweltbundesamt im Bundesanzeiger bekanntgegeben wurden. Nur solche GerĂ€te dĂŒrfen in Deutschland fĂŒr behördlich angeordnete EmissionsĂŒberwachung eingesetzt werden. Die aktuelle Liste ist unter www.qal1.de einsehbar.
Warum darf der Emissionsrechner nicht ĂŒber das Prozessleitsystem angeschlossen sein?
Das Prozessleitsystem ist ein Betriebssystem das theoretisch manipuliert werden kann. Der Emissionsrechner muss direkt mit den MessgerĂ€ten verbunden sein und manipulationssichere Datenspeicherung gewĂ€hrleisten. Die Anforderung schĂŒtzt die IntegritĂ€t der Emissionsdaten gegenĂŒber der Behörde und verhindert nachtrĂ€gliche VerĂ€nderungen.
Was ist der Unterschied zwischen QAL2 und RATA?
Beide sind Kalibrierverfahren bei denen das CEMS gegen ein zertifiziertes Referenzmessverfahren abgeglichen wird. QAL2 ist der europĂ€ische Begriff nach EN 14181, RATA (Relative Accuracy Test Audit) der US-amerikanische Begriff nach 40 CFR Part 60. Inhaltlich sind sie weitgehend Ă€quivalent â der Abgleich unter realen Prozessbedingungen gegen akkreditierte Referenzmessungen.
Wann ist Quecksilbermessung in CEMS-Anlagen erforderlich?
Immer dann wenn der Brennstoff oder die verarbeiteten Stoffe Quecksilber enthalten können â typisch bei Kohle- und Braunkohle-Kraftwerken, Abfallverbrennungsanlagen (besonders mit gemischten Abfallströmen oder SonderabfĂ€llen), Zementwerken mit Ersatzbrennstoffen und Anlagen die medizinische AbfĂ€lle verarbeiten. Die Genehmigungsbehörde legt fest ob und in welchem Umfang Hg-Messung erforderlich ist.
Was sind CUSUM-Karten und warum werden sie in CEMS eingesetzt?
CUSUM-Karten (Cumulative Sum Control Charts) sind statistische Werkzeuge zur Erkennung systematischer Drifts in Messsystemen. Im CEMS-Betrieb werden sie fĂŒr die tĂ€gliche QAL3-Ăberwachung eingesetzt. Sie erkennen Trends frĂŒhzeitig und dokumentieren statistisch ob Wartungseingriffe notwendig und gerechtfertigt waren â wichtig fĂŒr die Behördenkommunikation.
Warum sind Fackeln in Deutschland anders geregelt als in den USA?
In Deutschland und der EU ist das kontinuierliche Abfackeln von Prozessgasen regulatorisch stark eingeschrĂ€nkt â ĂŒberschĂŒssige Gase mĂŒssen verwertet oder behandelt werden. In den USA ist der Fackelbetrieb in der Petrochemie und Raffinerie weit verbreitet und regulatorisch unter 40 CFR § 63.670 geregelt. US-Fackeln unterliegen umfangreichen CEMS-Anforderungen zur Ăberwachung der Verbrennungseffizienz.
Probenahmesysteme und Probenaufbereitung fĂŒr extraktive CEMS
Filterung, KĂŒhlung, Beheizung, Kondensatableitung und Pumpenkonzepte fĂŒr extraktive CEMS-Systeme sind ein eigenstĂ€ndiges Thema das in einem separaten Artikel zur Probenaufbereitung vertieft wird.
WeiterfĂŒhrend: "Probenaufbereitung fĂŒr Prozessanalysatoren â Filter, KĂŒhler, Pumpen" (in Vorbereitung)
Dioxin- und Furanmessung
Dioxine und Furane werden in Abfallverbrennungsanlagen nicht kontinuierlich, sondern periodisch durch akkreditierte Messstellen gemessen. Diese Sondermesstechnik ist ein eigenstÀndiges Fachgebiet.
CEMS ist keine Frage der Technologieauswahl â sondern eine regulatorische Pflicht deren Rahmen durch die Betriebsgenehmigung vorgegeben ist. Was gemessen wird, welche Systeme eingesetzt werden dĂŒrfen und wie Daten gespeichert und ĂŒbermittelt werden mĂŒssen, ist behördlich festgelegt.
Die technische Herausforderung liegt darin, innerhalb dieses Rahmens robuste, wartungsarme und langzeitstabile Messsysteme zu betreiben â unter den rauen Bedingungen realer Abgasströme, mit wechselnden Lastprofilen und unter dem permanenten Auge der QualitĂ€tssicherung.
Neue Messprinzipien â wie TDLS fĂŒr HCl, NHâ oder Hg â gewinnen zunehmend Eignungszulassungen und ersetzen Ă€ltere, wartungsintensivere Methoden. Der Weg zur Zulassung neuer Technologien erfordert Ausdauer, aber die Behörden sind aufgeschlossen wenn die technische Ăberlegenheit klar nachgewiesen wird.
| Norm / Regelwerk | Herausgeber | Inhalt (paraphrasiert) |
|---|---|---|
| DIN EN 14181 | CEN / DIN | QualitĂ€tssicherung fĂŒr automatische Messsysteme â QAL1, QAL2, QAL3, AST |
| DIN EN 15267 | CEN / DIN | Zertifizierung automatischer Messeinrichtungen fĂŒr kontinuierliche EmissionsĂŒberwachung |
| DIN EN 17255 | CEN / DIN | Anforderungen an Datenerfassungs- und Auswertesysteme fĂŒr CEMS |
| 13. BImSchV | Bundesregierung | Verordnung ĂŒber GroĂfeuerungs-, Gasturbinen- und Verbrennungsanlagen |
| 17. BImSchV | Bundesregierung | Verordnung ĂŒber Verbrennungsanlagen fĂŒr AbfĂ€lle und Ă€hnliche brennbare Stoffe |
| TA Luft (2021) | BMU | Technische Anleitung Luft â Emissionsanforderungen fĂŒr genehmigungspflichtige Anlagen |
| IED (2010/75/EU) | EU | Industrieemissionsrichtlinie â Rahmen fĂŒr Emissionsgrenzwerte und BVT |
| 40 CFR Part 60 | US EPA | New Source Performance Standards â CEMS-Anforderungen fĂŒr neue Anlagen |
| 40 CFR Part 63 | US EPA | National Emission Standards for Hazardous Air Pollutants |
| 40 CFR § 63.670 | US EPA | Spezifische Anforderungen fĂŒr Fackeln als Kontrolleinrichtungen |
| 40 CFR Part 75 | US EPA | Kontinuierliche EmissionsĂŒberwachung im SĂ€ureregen-Programm |
| EA Guidance M2 | Environment Agency (UK) | Monitoringvorgaben fĂŒr Emissionen aus Schornsteinen |
CEMS ist ein Thema das in der Praxis viele Facetten hat â von der Genehmigungsverhandlung ĂŒber die Systemauslegung bis zur QAL3-Dokumentation. Wer Erfahrungen aus dem Betrieb, aus Genehmigungsverfahren oder aus der EinfĂŒhrung neuer Messprinzipien teilen möchte, ist herzlich eingeladen:
RĂŒckmeldung und Praxisberichte: info@analyticjournal.de
Analytic Journal versteht sich als Plattform fĂŒr den Austausch unter Fachleuten â nicht als EinbahnstraĂe. Praxisberichte aus dem Anlagenbetrieb, Hinweise auf Fehler oder ErgĂ€nzungen sind ausdrĂŒcklich willkommen.
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Dusko Kadijevic | DK Consulting | Publisher Analytic Journal | analyticjournal.de | +491733129816
Verfasst Mai 2026. Regulatorische Anforderungen unterliegen Ănderungen â aktuelle Fassungen bei den jeweiligen Behörden prĂŒfen.
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Autor: Dusko Kadijevic â 20 Jahre Erfahrung als PAT-Anwender in der Prozessindustrie