SpektroskopieFachartikel

    Raman-Reaktionskontrolle in der Chemieindustrie: Inline-Monitoring von Synthesereaktoren

    13. Oktober 2026 · Dusko Kadijevic, Publisher Analytic Journal

    Kategorie: Spektroskopie | Chemieindustrie | Reaktionsüberwachung
    Autor: Dusko Kadijevic, Publisher Analytic Journal
    Zuletzt aktualisiert: Oktober 2026
    Lesezeit: ca. 9 Minuten
    Zielgruppe: Prozessingenieure, PAT-Spezialisten, Anlagensicherheitsverantwortliche in der Chemieindustrie

    Definition

    Inline-Raman-Spektroskopie zur Reaktionskontrolle bezeichnet den Einsatz von Raman-Sonden direkt im Reaktionsmedium eines Synthesereaktors, um molekulare Umsätze, Zwischenprodukte und Reaktionsendpunkte in Echtzeit ohne Probenahme zu verfolgen. Das Verfahren liefert chemisch spezifische Information auch in wässrigen Matrices und eignet sich damit besonders für Batch- und Semibatch-Synthesen mit sicherheitskritischen Reaktionsendpunkten.

    Warum ist das Thema relevant?

    Chemische Synthesereaktoren fahren oft nach festen Zeit- oder Temperaturprofilen — nicht nach dem tatsächlichen Reaktionsfortschritt. Die Folge: Überreaktion, verschenkte Ausbeute, bei exothermen Systemen im schlimmsten Fall ein Sicherheitsproblem. Temperatur und Druck gelten in der Reaktionstechnik als die eigentlichen sicherheitsrelevanten Größen, zeigen aber nur, wie der Prozess reagiert — nicht direkt, was stofflich drin passiert. Raman liefert molekulare spektroskopische Information dazu. Quantitative Konzentrationswerte brauchen dafür eine validierte Kalibrierung. Qualitative Endpunkt- oder Zwischenproduktüberwachung geht oft auch ohne aufwendige Chemometrie.

    Breit etabliert in der Prozessanalytik ist bislang vor allem NIR-Spektroskopie — seit Jahrzehnten im Einsatz, mit entsprechend ausgereiften Kalibrationen, Anwendungsvorlagen und Bedienerwissen in den Betrieben. Inline-Raman zur Reaktionskontrolle ist dagegen weder in der Pharma-, Chemie- noch in der Petrochemieindustrie annähernd so verbreitet, wie es die technischen Vorteile nahelegen würden. Das war lange auch eine Preisfrage: Raman-Systeme waren früher teuer und wenigen Anbietern vorbehalten. Das ändert sich — Laser und Detektoren sind spürbar günstiger geworden, und der Markt an Herstellern wächst. Dazu kommen zwei technische Vorbehalte, die in der Praxis genauso schwer wiegen: Fluoreszenz-Interferenz und die Frage, ob eine Sonde den jeweiligen Prozess überhaupt übersteht.

    Funktionsprinzip

    Raman-Spektroskopie nutzt inelastische Lichtstreuung: Photonen eines Lasers regen Molekülschwingungen an, die verschobene Streulicht-Frequenz ist ein substanzspezifischer Fingerabdruck. Im Gegensatz zu MIR/FTIR-Spektroskopie, die wegen starker Eigenabsorption meist direkten ATR-Kontakt braucht, lässt sich Raman — wie auch NIR — gut durch Glas- oder Quarzfenster und in wässrigen Medien einsetzen, solange Fenster, Fouling und optische Geometrie beherrscht werden. Wasser selbst ist ein relativ schwacher Raman-Streuer, kann bei niedrigwelligen Verschiebungen oder schwachen Analytbanden aber durchaus relevant werden. Faseroptische Sonden erlauben die Installation oft deutlich über 100 Meter vom Spektrometer entfernt — mehr als bei NIR üblich, wo Systeme meist bei rund 100 Metern an spektrale Grenzen stoßen. Das gilt auch in Ex-Zonen (dort zusätzlich zu beachten: Laserleistung und weitere Vorgaben für den intrinsischen Ex-Schutz, siehe die NAMUR-Empfehlung weiter unten).

    Die Probenahme entfällt vollständig: Die Sonde taucht direkt in den Reaktorinhalt ein, die Messung ist zerstörungsfrei und läuft kontinuierlich. Raman und IR-Spektroskopie sind dabei komplementär, nicht konkurrierend. Raman erfasst Schwingungen über eine Änderung der Polarisierbarkeit, IR über eine Änderung des Dipolmoments. Manche Banden sind deshalb IR-aktiv, aber Raman-inaktiv, und umgekehrt. Praktisch heißt das: Bei symmetrischen Molekülen, unpolaren Bindungen und bestimmten Kristall- oder Polymerstrukturen liefert Raman Information, die IR nicht oder nur schwach zugänglich ist.

    VerfahrenMatrixeignungProbenvorbereitungTypische Störgröße
    Ramanwässrig und organischkeineFluoreszenz
    NIRwässrig und organischkeine, aber matrixsensitivWasserbanden, Streuung an Partikeln
    MIR/FTIRüberwiegend organisch, wasserarmoft ATR-Kontakt nötigstarke Wasserabsorption

    Raman-Systemtypen im Feldeinsatz

    Am Markt verfügbare Raman-Systeme unterscheiden sich vor allem in der Detektionstechnologie und im Umgang mit Fluoreszenz.

    SystemtypFunktionsprinzipUmgang mit Fluoreszenz
    Dispersives Raman (CCD-basiert)Gitter-Dispersion des Streulichts, CCD-Detektor; Anregung bei 532, 633 oder vor allem 785 nm — 785 nm gilt als beliebtester Kompromiss aus Signalstärke, Fluoreszenzarmut und CCD-Empfindlichkeitam anfälligsten für Fluoreszenz bei kurzwelliger Anregung; technisch der dominierende Ansatz für kompakte, prozesstaugliche Raman-Systeme
    FT-RamanInterferometer-basiert, meist 1064-nm-Anregung, Ge-/InGaAs-Detektorgeringe Fluoreszenz durch die besonders langwellige 1064-nm-Anregung, aber auch die stärkste Ausprägung des allgemeinen Raman-Signalverlusts bei langen Wellenlängen (1/λ⁴-Abhängigkeit); Interferometer stellen zudem höhere Anforderungen an mechanische Stabilität — moderne Konstruktionen mildern das, erhöhen aber Komplexität und Kosten. Vor allem im Labor- und Forschungsbereich sowie bei stark fluoreszierenden Proben relevant; für kompakte Prozesssonden ist das dispersive Konzept technisch verbreiteter
    Wellenlängen-moduliertes Raman (SERDS)zwei leicht verschobene Anregungswellenlängen, rechnerische Differenzbildung eliminiert breitbandigen Fluoreszenzuntergrundrechnerische Fluoreszenzunterdrückung; primär eine Mess-/Auswertemethode, die meist auf dispersiven Systemen läuft, aber spezielle, schnell umschaltbare oder duale Laserquellen braucht
    Zeitaufgelöstes (time-gated) Ramangepulster Laser kombiniert mit zeitgesteuerter Detektion trennt das schnelle Raman-Signal von der langsamer abklingenden Fluoreszenzaktive Fluoreszenzunterdrückung unabhängig von der Anregungswellenlänge; jüngere Technologie mit kommerziellen Systemen u. a. im Bioprozess-Umfeld — eine breite industrielle Durchdringung ist damit noch nicht belegt

    Die Übersicht deckt die derzeit kommerziell relevanten Technologiekategorien ab, erhebt aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit — mit zunehmender Marktentwicklung können weitere Ansätze hinzukommen.

    Unabhängig vom Systemtyp unterscheidet sich zusätzlich die Ankopplung an den Prozess:

    AnkopplungsartBeschreibung
    Faseroptische TauchsondeSonde taucht direkt in das Reaktionsmedium ein, Lichtleitung über Glasfaser zum Spektrometer
    Fenster-Ankopplung an der ReaktorwandSonde misst von außen durch ein Saphir- oder Quarzfenster, kein direkter Medienkontakt
    Durchflusszelle im BypassMessung in einem externen Nebenstrom, entkoppelt vom Hauptreaktor, erleichtert Wartung und Reinigung

    Praxisherausforderungen

    Theoretisch funktioniert Raman in fast jedem Reaktionsmedium. In der Praxis entscheiden drei Faktoren über Erfolg oder stille Fehlmessung.

    HerausforderungUrsacheGegenmaßnahme
    Fluoreszenz-InterferenzVerunreinigungen, Katalysatorreste oder Chromophore fluoreszieren unter Laseranregung und überlagern das schwache Raman-SignalAnregungswellenlänge an Matrix anpassen (z. B. 785 nm oder 1064 nm statt 532 nm) — das ist immer ein Kompromiss, denn die Raman-Streuintensität skaliert näherungsweise mit 1/λ⁴: Jede längere Anregungswellenlänge, die Fluoreszenz reduziert, kostet gleichzeitig Signal. Dazu SERDS, Baseline-Korrektur
    Sondenverschmutzung und -verschleißPräzipitate, Polymerfilme, Feststoffablagerungen — bei aggressiven Medien auch direkter Materialangriff auf Fenster und DichtflächenSpülzyklen, Fenstergeometrie, Werkstoffwahl gezielt auf das Medium abstimmen, periodische Referenzmessung
    Feldinstallationmechanische Belastung der Faserkopplung, Ex-Zertifizierung, Laserschutzkennzeichnung, begrenzte Faserreichweitezertifizierte Ex-Sondenhardware, klare Kennzeichnung und Einweisung des Personals vor Ort

    Drei Fälle aus der Praxis

    Sondenfenster gegen aggressives Medium. Aus der Praxis: Bei der Überwachung eines stark ätzenden Prozesses hat es gut ein Jahr gedauert, bis eine Sonde entwickelt war, die dem Medium standhielt. Zwei Sonden sind in der Zwischenzeit regelrecht verheizt worden — die Dichtflächen an Fenster und Optik waren schlicht zu empfindlich für den Prozess. Die Sonde selbst ist im aggressiven Medium das kritische Bauteil, nicht die Spektroskopie dahinter.

    Spektren, die plötzlich wegliefen. Aus der Praxis: In einem Prozess, in dem Fluoreszenz bis dahin kein Thema war, tauchte sie plötzlich auf. Ursache: Thermoöl war über eine undichte Stelle am Wärmetauscher in den Prozess eingedrungen. Schon geringe Mengen reichten für ein deutliches Fluoreszenzsignal — die Raman-Messung hat die Leckage erkannt, bevor die Anlage selbst etwas gemerkt hat. Ein Zufallstreffer, kein geplantes Feature, aber ein gutes Beispiel dafür, dass Fluoreszenz-Interferenz nicht nur ein Störfaktor ist, sondern mitunter ein Frühwarnsignal.

    Laserschutz vor Ort. Die vorgeschriebene Kennzeichnung am Reaktor hat anfangs für Verwirrung bei Personal und Fremdfirmen gesorgt, die mit der Symbolik nicht vertraut waren. Mir wurde in der Messwarte einmal vom Schichtpersonal eindringlich geraten, nicht in die Nähe der Sonde zu gehen — dort sei „Strahlung". Gemeint war das Laserschutzzeichen, nicht radioaktive Strahlung, aber wenn überall dieselben gelben Warnschilder hängen, sitzt die Verwechslung tief. Eine kurze Einweisung vor Ort hat das Problem gelöst — unterschätzen sollte man diesen Punkt bei der Installationsplanung trotzdem nicht.

    Die gemeinsame Lehre aus allen drei Fällen: Ein System, das nachts um drei Uhr ohne Laborrückendeckung laufen soll, braucht eine Signalqualitäts-Schwelle im Regelsystem — nicht nur einen Rohspektrum-Plot. Sonst kann die Software fouling-bedingte Signalschwäche nicht vom tatsächlich erreichten Reaktionsendpunkt unterscheiden, und die Reaktion läuft bei einem exothermen Prozess über den vorgesehenen Umsatz hinaus weiter.

    Anwendungsbereiche

    ReaktortypTypischer EinsatzNutzen
    Batch-Synthesereaktor (Spezialchemikalien, Wirkstoffvorstufen)Endpunkterkennung des Hauptumsatzeskürzere Haltezeiten, weniger Überreaktion
    PolymerisationsreaktorMonomer-UmsatzverfolgungTrendkontrolle statt Zeitprofil
    Kontinuierlicher DurchflussreaktorEchtzeit-Kopplung an Regelkreisautomatisierte Prozessführung ohne manuelle Probenahme
    Exotherme Reaktionen mit Sicherheitsrelevanz*Erkennung des Reaktionsendpunktsreduziertes Risiko unkontrollierter Nachreaktion

    * „Sicherheitsrelevanz“ beschreibt hier den Kontext der Reaktion, nicht die Eignung der Raman-Messung selbst als Sicherheitsfunktion. Wie im Abschnitt zu Normen und regulatorischen Grundlagen beschrieben, ist Inline-Raman mit chemometrischer Auswertung und üblicherweise Windows-basierter Software aktuell keine SIL-taugliche Messung — es unterstützt die Prozessüberwachung und liefert ein Frühwarnsignal, ersetzt aber keine SIL-qualifizierte Schutzeinrichtung.

    Normen und regulatorische Grundlagen

    Norm/RichtlinieKurzbeschreibungRelevanz
    ATEX 2014/34/EUEU-Richtlinie für Geräte in explosionsgefährdeten BereichenEx-Zertifizierung der Sonden- und Gehäusehardware
    IEC 60079-Reiheinternationale Normenreihe zur Geräteklassifizierung in Ex-ZonenBasis für Zonen-Einstufung und Gerätewahl
    IEC 60079-28spezifiziert optische Zündschutzkonzepte (Ex op is, Ex op pr, Ex op sh) für Strahlung in Ex-Bereichenregelt, wie Laserleistung im Ex-Bereich sicher begrenzt oder verriegelt wird
    NAMUR AK-PRAXIS: RAMAN in Ex-Zonen (AK 3.6.3, PAT Innovations, 23.07.2025)offizielles AK-PRAXIS-Dokument des NAMUR-Arbeitskreises 3.6.3 (PAT Innovations) zur Umsetzung von Raman-Lösungen in Ex-Zonenergänzt ATEX/IEC 60079 um gerätespezifische Umsetzungspraxis speziell für Raman-Systeme
    NAMUR NE 107Empfehlung zu Selbstüberwachung und Statussignalen von FeldgerätenDiagnosekonzept für Signalqualität/Fouling-Erkennung
    IEC 60825-1internationale Norm zur Laserklassifizierung und -sicherheit, Basis für EU/weltweit außerhalb der USAlegt Laserklasse, Grenzwerte und Kennzeichnung der Sondenhardware fest
    ANSI Z136.1 / FDA 21 CFR 1040.10US-amerikanischer Laser-Sicherheitsstandard (ANSI) bzw. US-Bundesregulierung für Laserprodukte (FDA)gilt zusätzlich bzw. parallel zu IEC 60825-1 bei Installationen in den USA
    ASTM E1840Standard Guide for Raman Shift Standards für WellenzahlkalibrierungReferenzwerte für die Wellenzahlkalibrierung — kein vollständiges Kalibrierverfahren, die Norm selbst definiert keine Prozedur

    Laserschutz regional unterschiedlich geregelt: IEC 60825-1 gilt in der EU und den meisten Weltregionen. In den USA greifen stattdessen ANSI Z136.1 (Arbeitsschutzpraxis) und die FDA-Regulierung 21 CFR 1040.10 (Produktrecht) parallel — eine einzelne Laserklassifizierung nach IEC genügt für eine US-Installation nicht. Bei Anlagen mit Standorten in beiden Regionen beide Regelwerke getrennt prüfen.

    Keine SIL-Funktion ohne eigene Betrachtung: Inline-Raman in der hier beschriebenen Form — mit chemometrischer Auswertung und üblicherweise Windows-basierter Spektrometersoftware — ist nicht ohne Weiteres als sicherheitsgerichtete Messung im Sinne eines SIL-Kreises (Safety Instrumented Function) einsetzbar. Das Verfahren eignet sich zur Prozessüberwachung und Frühwarnung, ersetzt aber keine SIL-qualifizierte Instrumentierung als alleinige Schutzeinrichtung. Dedizierte Raman-Fotometer mit reduzierter, fest verdrahteter Auswertelogik sind eine andere Geräteklasse und eigene Betrachtung wert — nicht Gegenstand dieses Artikels.

    Hinweis: Aktuelle Revisionsstände vor Projektstart gegen die jeweiligen Normungsorganisationen prüfen — dieser Artikel nennt die Normen als Einstiegsreferenz, keine verbindliche Auslegung.

    F&A — Häufig gestellte Fragen

    Was ist Inline-Raman-Spektroskopie zur Reaktionskontrolle? Inline-Raman-Spektroskopie ist der Einsatz einer Raman-Sonde direkt im Reaktionsmedium, um molekulare Zusammensetzung und Reaktionsfortschritt kontinuierlich und ohne Probenahme zu verfolgen. Sie liefert einen chemisch spezifischen Fingerabdruck statt eines indirekten Indikators wie Temperatur oder Druck.

    Was ist der Unterschied zwischen Raman- und NIR-Spektroskopie für die Reaktionskontrolle? Raman liefert scharfe, substanzspezifische Banden und funktioniert gut in wässrigen Medien, da Wasser nur schwach streut. NIR-Spektren sind breiter und überlappender, dafür ist NIR-Hardware oft robuster gegenüber Streulicht durch Partikel. Die Wahl hängt von der Matrix und den zu verfolgenden funktionellen Gruppen ab.

    Wann ist Raman besser geeignet als NIR? Raman eignet sich besser, wenn kleine funktionelle Gruppen mit schwachen NIR-Obertönen unterschieden werden müssen oder die Matrix stark wasserhaltig ist. NIR ist oft vorzuziehen, wenn die Probe zu Fluoreszenz neigt — NIR ist davon typischerweise deutlich weniger betroffen als kurzwellig angeregtes Raman, aber nicht grundsätzlich immun, und reagiert seinerseits empfindlich auf Streuung, Partikel, Temperatur und Wasserbanden.

    Welche Normen gelten für Raman-Sonden im Ex-Bereich? In der EU regeln ATEX 2014/34/EU und die IEC-60079-Normenreihe die Zertifizierung von Sonden und Gehäusen für explosionsgefährdete Bereiche. Die konkrete Zonen-Einstufung der Anlage bestimmt, welche Geräteklasse erforderlich ist.

    Was sind typische Fehler beim Betrieb von Inline-Raman-Sonden? Häufige Fehler sind eine falsch gewählte Laserwellenlänge für eine fluoreszierende Matrix, fehlende periodische Referenzmessungen zur Drift-Erkennung und das Ignorieren von Fouling, bis das Signal spürbar einbricht. Alle drei lassen sich mit einem festen Wartungs- und Diagnosekonzept vermeiden.

    Warum ist Fluoreszenz ein kritisches Problem bei Raman-Messungen? Fluoreszenz ist kein grundsätzliches Problem der Raman-Spektroskopie, sondern tritt vor allem bei aromatischen Verbindungen, Farbstoffen, biologischen Materialien und bestimmten Verunreinigungen auf — viele farblose, einfache Chemikalien oder wässrige Lösungen lassen sich unproblematisch Raman-messen. Tritt sie auf, wird sie aber schnell zum dominierenden Faktor: Verunreinigungen oder Chromophore in der Matrix emittieren unter Laseranregung selbst Licht, und dieses Fluoreszenzsignal kann um Größenordnungen stärker als das eigentliche Raman-Signal sein und es dann vollständig überdecken.

    Wie wird Sondenfouling in der Praxis erkannt und vermieden? Fouling zeigt sich meist zuerst als langsamer Signalintensitätsverlust über mehrere Chargen. Periodische Referenzmessungen, definierte Spülzyklen und eine im Regelsystem hinterlegte Signalqualitäts-Schwelle erkennen den Trend, bevor er zu Fehlentscheidungen führt.

    Welche Reichweite kann die Glasfaserverbindung zwischen Sonde und Spektrometer überbrücken? Je nach Laserleistung, Wellenlänge und Fasertyp kommen Distanzen von einigen zehn bis zu mehreren hundert Metern infrage — eine pauschale Kennzahl gibt es dafür nicht, weil zu viele Einzelfaktoren hineinspielen. Die tatsächliche Grenze sollte immer vor der Installation mit dem Spektrometerhersteller anhand des konkreten Signal-Rausch-Verhältnisses der Messaufgabe abgeglichen werden.

    Warum ist Raman trotz technischer Vorteile weniger verbreitet als NIR? Laser und Detektoren sind in den letzten Jahren deutlich günstiger geworden. Der verbleibende Kostentreiber liegt vor allem in der hochwertigen Unterdrückung der sehr viel intensiveren Rayleigh-Streuung — Notch- oder Edge-Filter — sowie in der kalibrierten Gesamtsystemarchitektur. Vollständige Prozess-Ramansysteme liegen deshalb oft im Bereich mehrerer zehntausend Euro. Dazu kommt ein Infrastruktur-Vorsprung: NIR ist seit Jahrzehnten in Pharma und Petrochemie etabliert, mit ausgereiften Kalibrationen, Anwendungsvorlagen und Bedienerwissen. Diese Basis muss Raman in vielen Betrieben erst noch aufbauen.

    Was dieser Artikel bewusst nicht behandelt

    Quantitative Chemometrie-Modellierung Die multivariate Kalibrierung (PLS, PCA) zur Umwandlung von Raman-Rohspektren in quantitative Konzentrationswerte ist ein eigenes methodisches Thema mit eigenem Praxisteil.

    Chemometrische Kalibrierung für Inline-Spektroskopie ist als eigenes, separates Thema für einen künftigen Analytic-Journal-Artikel vorgesehen, aktuell noch ohne festen Termin.


    Raman in der Kristallisation (Polymorphie-Kontrolle) Die Polymorph-Unterscheidung bei Kristallisationsprozessen nutzt Raman anders als die Reaktionsendpunkt-Erkennung in diesem Artikel und verdient eine eigene Betrachtung.

    Raman-Spektroskopie in der Kristallisationsüberwachung ist ebenfalls als eigenes Thema für einen künftigen Artikel vorgesehen, aktuell noch ohne festen Termin.


    Vergleich konkreter Gerätehersteller Dieser Artikel bleibt bewusst herstellerneutral. Eine Marktübersicht konkreter Raman-Systeme für die Prozessindustrie ist ein eigenes, redaktionell gekennzeichnetes Format.

    Fazit

    Inline-Raman liefert molekulare Information direkt aus dem Prozess, nicht nur indirekte Hinweise wie Temperatur oder Druck. Die Spektroskopie dahinter ist dabei meist nicht das Problem. Problematisch wird es bei der Laserwellenlänge gegen Fluoreszenz, beim Fouling-Management und bei einer Feldinstallation, die auch raue Medien und Ex-Vorgaben übersteht. Wer das sauber löst, bekommt einen Regelkreis, der Nachtschicht-Entscheidungen auf echte Messdaten stützt — nicht auf ein starres Zeitprofil.

    Quellen

    1. Normen und Richtlinien ATEX 2014/34/EU; IEC 60079-Reihe (Geräte für explosionsgefährdete Bereiche); IEC 60079-28 (optische Strahlung in explosionsgefährdeten Bereichen); IEC 60825-1 (Sicherheit von Lasereinrichtungen); ANSI Z136.1 / FDA 21 CFR 1040.10 (Laserschutz USA); ASTM E1840 (Raman Shift Standards)

    2. Industriestandards/Empfehlungen NAMUR NE 107 (Selbstüberwachung und Diagnose von Feldgeräten); NAMUR AK-PRAXIS „RAMAN in Ex-Zonen“ (AK 3.6.3, PAT Innovations, 23.07.2025)

    3. Fachliteratur: Esmonde-White, K.A.; Cuellar, M.; Uerpmann, C.; Lenain, B.; Lewis, I.R.: "Raman spectroscopy as a process analytical technology for pharmaceutical manufacturing and bioprocessing." Anal. Bioanal. Chem. 409 (2017), 637–649. — Lenain, B.; Lucas, H.; Uerpmann, C.; Davis, K.L.; Ehly, M.A.; Kemper, M.S.; Lewis, I.R.: "Raman Spectroscopy for Process Control in Chemical and Pharmaceutical Manufacturing." Proceedings ICheaP-8, 2007. — Hamlin, T.A.; Leadbeater, N.E.: "Raman spectroscopy as a tool for monitoring mesoscale continuous-flow organic synthesis." Beilstein J. Org. Chem. 9 (2013), 1843–1852.

    4. Organisationen und Datenquellen NAMUR e.V.; DECHEMA e.V.

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    Dieser Artikel wurde nach bestem Wissen und Gewissen auf Basis öffentlich verfügbarer Fachinformationen, Normen und Herstellerangaben erstellt. Technische Spezifikationen können sich ändern — für verbindliche Angaben konsultieren Sie aktuelle Herstellerdatenblätter und zuständige Normungsgremien. Analytic Journal erstellt redaktionellen Content unabhängig von Herstellern und Werbepartnern.

    Autor: Dusko Kadijevic — 20 Jahre Erfahrung als PAT-Anwender in der Prozessindustrie